Der Diener zweier Herren im Hexenkessel-Hoftheater Berlin

Eine Schlange von Wartenden auf nicht abgeholte Karten für die Premiere vom "Diener zweier Herren" bewies, dass das Hexenkessel-Hoftheater mit seiner großen Fangemeinde eine feste Größe im Berliner Theaterleben ist. Und was dann im Amphitheater ablief, war wieder einmal ein großer Theaterspaß. Mit kleinem Ensemble, rasanten Figurenwechseln und irrem Tempo
(Regie: Jan Zimmermann) werden die Haupthandlungsstränge verfolgt. Die commedia dearte wird hier nicht museal vorgeführt, sondern in ihrem Geist präsentiert man ein respektloses, vitales Gauklerspiel. Alles ist deftig, die Gags - und deren gibt es viele - werden konsequent bis zum Ende ausgekostet. Allein schon die Varianten der Gondelan- und Abreise sind den Besuch wert.

Und natürlich das Ensemble, das nicht nur mit atemberaubend getimten Treppenläufen im 3-Etagen-Bühnenbild von David Regehr zu begeistern weiß, sondern hemmungslos alle komödiantischen Register zieht. Die Rolle des Truffaldino wird vom erklärten Publikumsliebling Carsta Zimmermann gespielt - und sie macht es vorzüglich. In der verschämten Liebesszene mit Smeraldina (Rebekka Köbernick), wurde ich ein bisschen an Chaplin erinnert. Da will ich dann auch gar nicht darüber nachdenken, ob es gut ist, dass bei ihr in dieser Männerrolle immer auch ein bisschen die Frau durchschimmert. Allerdings hätte ich auch gern noch die berühmte Pudding-Nummer gesehen.

Sicher, in Goldonis Stück steckt mehr drin, aber das Hexenkessel-Hoftheaters sucht sich in seiner Fassung das raus, was ihm für ein Sommertheatervergnügen attraktiv zu sein scheint. Das mag eine Reduzierung sein, aber es ist zum Glück keinerlei Vergewaltigung des Stückes. Wer sich also 90 Minuten in frischer Luft einfach nur bestens unterhalten lassen will, hat bis zum 3. September dazu Gelegenheit, sollte sich aber rechtzeitig um die begehrten Karten bemühen.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Lulu am Berliner Ensemble

Zur Premiere von Robert Wilsons "Lulu" am Berliner Ensemble hatte ich keine Zeit, aber ich wollte unbedingt sehen, wie Wedekinds "Monstertragödie" von ihm auf die Bühne gebracht wurde. Dazu hatte ich gestern Gelegenheit. Aber ich muss gestehen, das hätte ich mir eigentlich schenken können, denn das hatte ich ja alles
schon gesehen. Ja, wo Wilson drauf steht, ist auch 100%ig Wilson drin. Das hat der Großmeister des artifiziellen Selbstzwecks auch dieses Mal wieder bewiesen. Daraus ergibt sich aber auch, dass zwar Wedekind draufsteht, aber bestenfalls ein paar Handlungsmotive und Figuren übrig bleiben. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn man schlüssig erfahren würde warum. Aber mit so einer Frage darf man Wilson wahrscheinlich gar nicht erst kommen.

Wäre ich Fotograf, würde ich die Inszenierung wahrscheinlich der schönen Bilder wegen lieben. So hatte ich aber zur Pause das Prinzip erkannt und war nicht einmal auf die allseits gerühmte Bühne des zweiten Teiles gespannt, sondern machte mich auf den Heimweg. Bei einem Blick in die Runde konnte ich feststellen, dass es noch mehr ratlose Gesichter gab. Wer das Wedekind-Stück nicht kennt, dürfte ziemliche Schwierigkeiten haben zu begreifen, worum es eigentlich geht. Es gab 2-3 Stellen im ersten Teil, wo so etwas wie ein wirklicher Dialog zustande kam, der dann im Publikum erleichterte Lacher hervorrief. Natürlich hat Wilson wieder Songs mehr oder weniger sinnvoll eingebaut, dieses Mal stammen sie von Lou Reed. Und natürlich wird englisch gesungen, warum wird mir ewig ein Geheimnis bleiben. Es sind harmlose Nummern und ich dachte wehmütig daran, das Wedekind selbst ja sehr freche, böse Lieder geschrieben hat. Aber frech, geschweige denn böse, wollte dieser Abend ja wohl auch gar nicht sein, sondern einfach nur ästhetisch. Angela Winkler spielt die Lulu als zeitlose Projektionsfläche der Phantasien der Männer, die über die Karikatur nicht hinauskommen.

Mit Ausnahme des wunderbaren Jürgen Holtz. Wie macht er es nur, dass bei ihm selbst im gestischmimischen Wilson-Korsett immer noch ein Mensch, ein Charakter durchschimmert? Berührend sind auch die Momente, in denen die kleine, zierliche Ruth Glöss einfach durch ihre Anwesenheit - nach deren tieferem Sinn ich deshalb auch gar nicht fragen will - die Bühne mit Menschlichkeit füllt. Man sagt ja immer, geniale Schauspieler könnten auch das Telefonbuch spielen. Wilson kann mit seiner speziellen Genialität vermutlich auch das Telefonbuch inszenieren. Das Ergebnis sähe sicher ähnlich aus wie das, was im ausverkauften Berliner Ensemble zu erleben war.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Die Hofmeister in Berlin

Menschenskind, was war das für ein verrückter Abend in Neukölln. Die sonst auch belebte Kreuzung Pannier- Ecke Weserstraße, also mitten im sogenannten Problemkiez, sah sich auch am 2. Abend des dreitägigen Spektakels "Die Hofmeister - 1. Akt Freistunde" von einem Ansturm der vielen Schaulustigen mit und ohne Eintrittskarte überrollt. Was
hier an verschiedenen Schauplätzen gezeigt wurde, war viel mehr als herkömmliches Straßentheater, es war verantwortungsvolle Stadtteilarbeit mit Mitteln der Kunst. Das Maxim-Gorki-Theater hatte sich dazu mit dem Campus Rütli zusammengetan, dem hiermit ein weiterer Schritt gelungen ist, das negative Image abzubauen. Und man hatte den Eindruck, dass der ganze Reuter-Kiez zu den Unterstützern gehörte. Da verzichtet der "Spätkauf" mal eine Viertelstunde auf seinen Umsatz und lässt vier Schülerinnen an einem großen Tisch in der Mitte des Ladens eine Lehrerkonferenz zum Ausschluss eines Problemschülers nachspielen. Genauer gesagt, nachsprechen, denn die Statements bekommen die vier über Kopfhörer vorgesprochen. Da stellt ein - bei den zahlreichen Zuschauer viel zu kleines - Bistro seinen Raum für eine Geschichtsdisco zur Verfügung, in der die Schüler 1000 Jahre in 10 Minuten Revue passieren lassen und sich und uns Fragen stellen, verbunden mit einer Liebesgeschichte.

Und wenn eine der beteiligten Schülerinnen ausfällt, springt eben die Schauspielerin Hilke Altefrohne mit herrlicher Selbstverständlichkeit ein. Später macht es Spaß, sie mit ihrem Schauspielkollegen Gunnar Teuber auf der Straße bei einer Liebesgeschichte der besonderen Art zu begleiten. In einer Tierhandlung veranstalten Schülerinnen als "Pet Shop Girls" mit kleinen Tiergeschichten für jeden Kunden eine Aktion, die dem Tierheim zugute kommt... Die Liste der Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen. Es ist toll zu erleben, wie sich das alles in erster Linie als Projekt der Schüler darstellt. Dabei gibt es noch viele andere, die zum Gelingen beitragen. Zum Beispiel die "Golden Gorkis", ältere Amateurdarsteller, die sich unter dem Dach des Gorki-Theaters gefunden haben und die uns Lebensgeschichten aus diesem Kietz präsentieren, die über Wochen aus Erzählungen der Anwohner gesammelt wurden. Natürlich müsste man viele nennen, von der Regie über die Dramaturgie, die Schneiderei usw. usw., aber im Programmheft finden sich über 100 Namen! Man darf gespannt sein auf den 2. Akt, der dann im Gorki-Theater stattfindet. Das Projekt wurde dankenswerter Weise und sehr zu Recht aus dem Fonds "Heimspiel" der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Ich hoffe, dass die Kunde von diesem erfolgreichen Vorhaben weit über Neukölln hinaus gedrungen ist. Zum ersten, damit es viele zur Nachahmung anregt und zum zweiten, damit es bei einer der nächsten Verleihungen von Integrationspreisen mit dabei ist. Denn hier war es so selbstverständlich, dass viele der jungen Akteure einen Migrationshintergrund hatten, dass Alt und Jung, Profis und Amateure zusammen ein Monsterprojekt gestemmt haben und ein Kietz mit dabei war, dass Neukölln für einen Moment im besten Sinne ein Vorzeigebezirk geworden zu sein schien.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Sei lieb zu meiner Frau im Theater am Kurfürstendamm

Wovon lebt Boulevard-Theater? Von einem originellen Grundeinfall für das Stück, spritzigen Dialogen und Regie und Schauspielern, die Gefühl für Pointen und Timing haben. Und wovon lebt "Sei lieb zu meiner Frau" im Theater am Kurfürstendamm? Genau davon! Zunächst einmal ist der Einfall schön: Ein Mann wird vom Ehemann seiner Geliebten
erpresserisch aufgefordert, sich wieder mehr um sie zu kümmern. Das geschieht natürlich nicht uneigennützig. Im Verlauf der Geschichte betrügt jeder jeden und die raffinierten Lügen werden zum Bumerang. Mehr sei nicht verraten. Die Dialoge sprühen von Wortwitz und die vier Schauspieler (Maike Bollow, Dorkas Kiefer, Hugo Egon Balder und Sebastian Goder) beherrschen das schwere Metier der präzisen Leichtigkeit virtuos. Rene Heinersdorff, Autor und Regisseur in Personalunion, sorgt für Tempo und hat ein feines Gespür für Rhythmus. Beste Unterstützung erfährt er dabei durch ein praktikables Simultanbühnenbild.

Den Ausstatter verschweigt das Programmheft schamhaft. Warum? Wollte man vielleicht nicht noch ein drittes Mal Ren%C3%A9 Heinersdorff schreiben? Der umtriebige Schauspieler, Regisseur und Autor (dies ist bereits sein 10. Stück) ist auch Leiter des Düsseldorfer Theaters an der Kö, das bei dieser Produktion mit der Kudamm- Bühne zusammengearbeitet hat. Mittlerweile ist er eine tragende Säule des deutschen Boulevardtheaters. In seiner Vita taucht immer wieder Wolfgang Spier auf. Der scheint hier nicht nur einen Meisterschüler, sondern auch einen Nachfolger gefunden zu haben.

Der Abend ist Unterhaltungstheater vom Feinsten für alle, die lachen wollen, ohne sich hinterher dafür schämen zu müssen. Nicht mehr und nicht weniger.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Macht der Finsternis von Tolstoi an der Berliner Schaubühne

Menschenskind, ich habe viel gelernt an diesem Abend. Zunächst einmal, dass ich ziemlich leide, wenn ich - vielleicht als einziger im gut besuchten Haus - am Schluss nur halbherzig applaudieren kann - und nicht verstehe, worauf sich die vereinzelten "Bravos" beziehen. Zum zweiten habe ich durch das Stück gelernt, dass
meine Oma recht hatte mit dem Satz, "Geld verdirbt den Charakter", und ich weiß nun auch, dass es die Menschen zwingt, sich zu verbiegen. Kann man von einem Theaterabend mehr verlangen? Wäre ich Reich-Ranicki, würde ich vielleicht sagen, ich fand den Abend grässlich in dieser binsenweisheitlichen Oberflächlichkeit. Aber ich beschränke mich darauf zu konstatieren, dass ich mir einfach nur veralbert vorkam.

Ich kann mir natürlich auch nicht vorstellen, wie man dieses moralisierende Tolstoi-Stück für uns spannend erzählen sollte, aber ich kann mir genauso wenig erklären, warum man es sich dann aussucht. Das Bühnengeschehen hat mir jedenfalls keinen Grund dafür geliefert. Was wird erzählt? Ein reicher, herrschsüchtiger Bauer, der nicht mehr ganz auf der Höhe ist, wird von seiner Frau mit dem Knecht betrogen. Die Mutter des Knechts wittert für ihren Sohn eine gute Partie und verschafft der Frau das nötige Gift. Nach dem Tod des Mannes heiratet der Knecht die reiche Witwe, führt sich nun genauso herrisch auf, verprasst das Geld und schwängert die Tochter. Auf Drängen der beiden im Töten geübten Frauen bringt er das Kind um. Die Tochter wird verheiratet - und er bekommt einen "Moralischen". Na bitte. Dazwischen winden sich alle in ihren Seelenqualen, die mit starken Emotionen - in erster Linie mittels Brüllen - an einander vorbei monologisierend abgespult werden, mal mit Maske, mal ohne. Nur gelegentlich, wenn es die Bildkomposition, auf die viel Wert gelegt wird, erfordert, dürfen sie sich sogar ansehen. All das geschieht in einem hoch über der Bühne angebrachten kleinen Kasten, in dem es das Bett des Kranken und ein Kreuz gibt. (Bühne: Olaf Altmann). Hinein gelangt man über zwei Gänge, die nur kriechend zu bewältigen sind.

Merke: Die Gier nach schnödem Mammon zwingt die Menschen nieder. Ich war froh zu sehen, dass man wenigstens Knieschützer ausgegeben hatte. Vermeintliche Kernaussagen werden - vermutlich der Eindringlichkeit halber - bis zum Erbrechen wiederholt. Apropos wiederholt. Das hat man von Michael Thalheimer alles schon gesehen - und es wird durch die Permanenz nicht besser. Ich werde langsam den Verdacht nicht los, dass er wirkliche Beziehungen zwischen Menschen nicht inszeniert, weil er dann bei sich "ans Eingemachte" gehen müsste. Aber es ist so traurig zu sehen, dass tolle Schauspieler, denen man wünschen würde, dass sie das auch mal im Zusammenspiel zeigen könnten, benutzt werden, damit ein Regisseur sich seinem Markenzeichen entsprechend in den Vordergrund spielen kann. Wie gesagt, es gab kräftigen Applaus, aber ich hatte das Gefühl, dass sich gleich irgendwo ein unschuldiges Kind erhebt und ausruft, dass der Kaiser ja gar keine Kleider anhat. "Gar keine" wäre vielleicht übertrieben, aber ich finde, sie sind sehr durchsichtig.
Rainer Gerlach für radio-mensch
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