Die (s)panische Fliege von Arnold und Bach an der Berliner Volksbühne

Ja, es wurde permanent gelacht und sich auf die Schenkel geschlagen bei der Premiere des berühmten Schwanks "Die spanische Fliege", ("spanische" hier vorsichtshalber mit eingeklammertem S geschrieben) des Erfolgsautoren-Duos Arnold und Bach. Ja, das geschah in der Berliner Volksbühne. Ja, Herbert Fritsch wollte genau dieses Stück inszenieren und damit Unterhaltung
machen - und hat es nicht mit textlichen Zusätzen ergänzt. Ja, er hatte mit dem riesigen gewellten Teppich inklusive Trampolin einen genialen Bühnebildeinfall. Und ja, es wurde ein Riesenerfolg beim begeisterten Publikum.

Aber nein, dazu gehörte ich leider nicht. Das lag nicht am exzellenten Schauspieler-Ensemble, das mit artistischen
Glanzleistungen des Stolperns, Hinfallens und Trampolinspringens aufwartete, daneben sogar noch Ansprüche auf Posten in Monty Pythons Ministerium für
komische Gangarten anmeldeten. Darüber konnte ich mich durchaus eine Zeit lang amüsieren. Dann empfand ich dieses Übermaß an aufgesetzter Hampelei - bei aller
artifiziellen Brillanz und überschäumender Spielfreude des gesamten Ensembles (allen voran Wolfram Koch und Sophie Rois) nicht mehr als komisch, sondern nur noch als albern.

Glücklicherweise ist das Stück mit seiner Geschichte um verlogene Moral, Fehltritte und ein uneheliches Kind so gut gebaut, dass es dadurch keinen Schaden nimmt. Aber die raffinierten Überraschungen und das Pointenfeuerwerk, das in der Vorlage gezündet wird, werden hier mit Mätzchen überfrachtet. Dabei werden Pointen nicht unbedingt stärker, wenn man sie mit Purzelbaum serviert.

Ich vermute, dass ein Großteil des Volksbühnenpublikums Nase rümpfend vor Boulevardbühnen die Straßenseite wechselt. Dabei hätte es dort jüngst in der "Raub der Sabinerinnen" - Inszenierung von Katharina Thalbach, der ja durchaus nicht Zurückhaltung im Einsatz extremer Theatermittel vorzuwerfen ist, sehen können, wie
gut so ein Schwank funktioniert, wenn man das Genre und sein Timing beherrscht. Und ich weigere mich zu glauben, dass je avantgardistischer das Publikum ist, desto
flacher und überdrehter der Witz sein muss.

Aber - wie gesagt - die Aufführung wurde groß gefeiert - und sie sei allen, die pure Lust auf Farce, Slapstick und Comic-Anleihen haben, empfohlen.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Eine Familie am Hans-Otto-Theater Potsdam

Das Hans-Otto-Theater Potsdam hat mit "Eine Familie" von Tracy Letts, Deutsch von Anna Opel, ein Stück auf seine Bühne geholt, das dem Ensemble wunderbares Material zur emotional starken schauspielerischen Entfaltung bietet. Beverly Weston, einst erfolgreicher Dichter, heute verbitterter Alkoholiker, will am Leben mit seiner Frau Violet, die krebskrank und schwer
tablettensüchtig ist, etwas ändern. Er engagiert ein indianisches Hausmädchen und verschwindet. Später erfährt man, dass er Selbstmord begangen hat. Diese Ereignisse führen die verzweigte Familie, drei Töchter mit Anhang, zusammen und lassen einen Konflikt nach dem anderen aufbrechen. Lange unterdrückter Hass tritt zutage und Lebenslügen werden entlarvt. Das klingt nach Tennessee Williams, könnte aber auch eine Seifenoper oder eine böse Gesellschaftssatire sein. Und von all dem hat das Stück etwas.

Die Regisseurin Barbara Bürk lässt die komischen Momente der an sich tragischen Geschichte auskosten, das löst im Saal immer wieder große Heiterkeit aus, aber dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Dieses Wechselbad der Gefühle macht den mit 2 3/4 Stunden ziemlich langen Theaterabend mit gutem Timing zu einer durchweg spannenden Unterhaltung. Das wurde in der 2. Vorstellung, die ich gesehen habe, zurecht mit lang anhaltendem Beifall belohnt. Tracy Letts, der Autor, ist selbst Schauspieler und weiß, was für Vorlagen man als Darsteller braucht, um vielschichtige Figuren spielen zu können. Und das Schöne ist: Er hat wirklich ein Ensemble-Stück geschrieben, nicht ein paar Hauptrollen mit Beiwerk. Dem zeigt sich das Potsdamer Ensemble mit einer geschlossenen Leistung bestens gewachsen. Aber, auch wenn sie das nicht provoziert, sticht für mich Tina Engel besonders hervor. Es ist ein Genuss zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sie Gefühlsumschwünge spielt, wie sie trockene Pointen setzt, um dann wieder große Emotionen zu zeigen. Und wenn sie sich am Schluss klein macht wie ein hilfloses Kind, geht das unter die Haut.

Ich möchte auch Peter Pagel hervorheben, der den Abend spannend mit einem zynischen Fast-Monolog des späteren Selbstmörders eröffnet und dann völlig gegensätzlich auch Charlie, den etwas verhuschten, harmoniesüchtigen Schwager Violets spielt, der das Publikum mitreißt, wenn er sich schließlich zu einem Auftrumpfen hinreißen lässt. Melanie Straub als Barbara entfacht ein wahres Emotionsfeuerwerk. Das ist sehr beeindruckend, könnte aber für meinen Geschmack manchmal nicht ganz so kreischig sein. Viel Vergnügen hatte ich an Meike Finck als Karen, die ihre Figur mit unaufdringlichem, liebenswerten Humor gezeichnet hat. Während die Doppelrolle bei Peter Pagel problemlos funktionierte, ging es für mich nicht so gut auf, dass Jon Kaare Koppe neben Bill, dem Mann Barbaras, dem er viele schöne leise Töne gab, auch noch den Sheriff spielte. Die beiden anderen Männer (Simon Brusis als Little Charles und Christoph Hohmann als Karens Verlobter) gehen komödiantisch in die Vollen, aber ihnen gesteht die Vorlage die wenigsten Differenzierungsmöglichkeiten zu. Das sind Juliane Götz als Jean, Andrea Thelemann als Mattie Fae und Franziska Melzer als Ivy vom Stück besser bedient und das nutzen sie auch geschickt aus. Allerdings wirkte Franziska Melzer auf mich für die Altersangabe im Stück ein bisschen zu jung. Die vielleicht schwierigste Aufgabe hat Elzemarieke de Vos als Haushälterin Johnna, muss sie doch als ruhender Pol und Engel durch das Stück gehen, als Persönlichkeit wirken, ohne groß etwas spielen zu können.

Das Bühnenbild Anke Grots mit wenigen Möbelstücken und der rotierenden Drehbühne, auf der immer verschiedene Bereiche des Hauses präsent waren, hat einerseits bewusst einen Theaterraum geschaffen, andererseits aber auch für eine dichte Atmosphäre gesorgt. Ich habe mich gefragt, warum das Stück nicht längst in Berlin gelaufen ist. Glückwunsch an Potsdam, dass es sich dieses Theaterpfund gesichert hat, mit dem es kräftig und - wie ich sehen konnte - generationsübergreifend wuchern kann.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm von Theresia Walser am Berliner Renaissancetheater

Es ist erstaunlich, dass Theresia Walsers Stück "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" in einer Theaterstadt wie Berlin nicht schon längst auf einer Bühne gelandet ist. Immerhin handelt es sich um eine liebevolle, höchst kenntnisreiche Betrachtung von Schauspielern und dem Theaterbetrieb. Drei Mimen sollen an einer Talkshow teilnehmen, die sich
mit der Darstellbarkeit Hitlers beschäftigt. Zwei haben ihn schon gespielt, der jüngste war bisher nur Goebbels. Schon die stumme Szene der drei, während der Einlass noch läuft, lässt das Publikum glucksen. Was sich dann beim Warten auf den Beginn der Talkshow zwischen ihnen abspielt, was da an Eitelkeiten, Befindlichkeiten, aber auch Unterschieden im Verständnis von Theater zu Tage tritt, ist ein wahres Feuerwerk. Noch dazu hat man wieder einmal hervorragend besetzt. Jörg Gudzuhn spielt den Star Franz Prächtel, der Hitler im großen Kinofilm auch mit Hilfe von Studien bei Parkinson-Kranken ausgelotet hat, mit der gebotenen Attitüde und gleichzeitig demonstrativer Bescheidenheit.

Guntbert Warns, der gleichzeitig als Regisseur wieder für ein fantastisches Timing sorgte, zeigt einen opportunistischen Lavierer, der stolz darauf ist, bei seiner Interpretation Hitlers auch immer die Vernichtung mit gezeigt zu haben. Robert Gallinowski ist blutvoll der engagierte Vertreter des zeitgenössischen Theaters. Er pendelt eindrucksvoll zwischen Respekt vor den Kollegen und entschiedener Behauptung eigener Ansprüche an modernes Theater. Wie er nebenbei noch das Tischproblem bewältigt, ist sehr komisch, aber auch dezent, nie klamottig.

Dass Prächtel bei seiner großen Abrechnung mit dem Regietheater letztlich über den jüngeren Kollegen triumphiert, was unter demonstrativ großem Beifall des Publikums geschieht, sollte manchem zu denken geben. Die drei Darsteller wurden zur Premiere zu Recht bejubelt. Ebenso der Ausstatter Momme Röhrbein, der mit wenig Aufwand einen ästhetisch schönen Raum für dieses recht kurze Dialogstück geschaffen hatte.

Natürlich gibt es sehr viel Insider-Pointen, daher bin ich mir nicht sicher, ob man ein breites Publikum damit erreicht. Aber das muss man ja auch nicht immer. Für alle Liebhaber des Theaters und der Schauspieler ist diese Inszenierung aber ein Muss.

Rainer Gerlach für radio-mensch

Das Fräulein von Scuderi, Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs des XIV. nach E.T.A. Hoffmann im Theater an der Parkaue

Heftiger Schlussbeifall der Schüler im Parkett belohnte das Ensemble der Inszenierung "Das Fräulein von Scuderi, Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs des XIV." im Theater an der Parkaue nach der Premiere für eine turbulente Vorstellung. Offensichtlich waren diese Besucher im Text der Geschichte von E.T.A. Hoffmann gut zu Hause und genossen
den spielerischen Umgang des Bearbeiters und Regisseurs Sascha Bunges mit der Vorlage. Ich bildete mir ein, die Geschichte in ihrer Mischung aus Krimi, Liebesgeschichte und Gesellschaftssatire auch noch gut in Erinnerung zu haben, aber es war für mich doch oft etwas verwirrend. 1680 werden Pariser Edelmänner zu Opfern von Raubmorden, die Beute stammt jeweils aus der Werkstatt des gefeierten Goldschmieds Cardillac. Die Dichterin Magdaleine de Scuderi tut die Ereignisse dem König gegenüber mit einer bagatellisierenden Bemerkung ab und wird danach unfreiwillig durch ein Schmuckstück, das ihr gesandt wird, in den Fall verwickelt. Aber weder der Kriminalfall, noch die Liebesgeschichte wurden für auf der Bühne konsequent erzählt, von der Geschichte des Goldschmieds ganz zu schweigen. Geht man wirklich davon aus, dass immer alle Zuschauer vorher ein Seminar über den Stoff hinter sich haben?

Natürlich wird bereits beim Einlass für alle, die etwas anderes erwarten könnten, demonstriert, dass es sich hier um Theater handelt. Die Drehbühne rotiert und präsentiert die hohen weißen Wände des Bühnenbildes, der rote Vorhang geht auf und zu. (Bühnenbild Angelika Wedde) Und beim Theater ist alles möglich. Da klingelt eben 1680 auch ein Telefon) Dass man keine genauen Kostüme der Zeit trägt, versteht sich fast schon von selbst. (Kostüme Katja Schmidt)

Vor allen Dingen wird viel verjuxt und irgendwie vertanzt. Dagegen wirken die "seriösen" Passagen dann blutleerer, als purer Text. Einzig Birgit Berthold in der Titelrolle zeigt eine facettenreiche, souveräne Persönlichkeit. Sie tut das ohne Mätzchen und ist für mich das Beeindruckendste an diesem Abend.

Das übrige Ensemble (Caroline Erdmann, Franziska Krol, Franziska Ritter, Niels Heuser, Stefan Kowalski, Johannes Hendrik Langer, Hagen Löwe und Thomas Pasieka) bringt sich mit großem Einsatz und viel Laune ein. Aber es bleibt doch alles sehr oberflächlich. Schade vor allem, dass Cadillac so blass gezeichnet wird.

Möge das Publikum also immer gut vorbereitet ins Theater kommen und dann an den Etüden über die Geschichte von E.T.A. Hoffmann seinen Spaß haben.

Rainer Gerlach für radio-mensch

Zuhause von Ingrid Lausund als Gastspiel im Zimmertheater Steglitz

Nachdem mich "Benefiz-Jeder rettet einen Afrikaner" im Renaissancetheater auf Ingrid Lausund aufmerksam werden ließ, war ich sehr gespannt auf einen weitere Arbeit der Autorin. Im Zimmertheater Steglitz, dem kleinsten Theater Berlins, das voll besetzt war, hatte ich die Gelegenheit, Heike Eulitz mit 3 Monologen unter dem Titel "Zuhause" zu erleben.
Meine hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ich erlebte drei unterschiedliche Frauen, die jeweils sehr präzise und originell vorgestellt wurden. Da ist - quasi als Klammer - eine, die ihre Einrichtung nur geldlich beschreibt, deren Gefühlswelt von Zahlen beherrscht ist. Es folgen eine Künstlerin, die versucht, sich von ihrer Mutter zu emanzipieren, und eine um politische Korrektheit bemühte Zeitgenossin, die eine türkische Putzfrau eingestellt hat. Wieder hat Ingrid Lausund ihre Mitmenschen genau beobachtet und raffiniert brüchige, entlarvende, wundervoll humorvolle Texte geschrieben.

Heike Eulitz wird ihnen in der Regie von Angelika Zacek mit sichtlichem Spaß und großem Facettenreichtum vollauf gerecht. Alles wirkt unangestrengt, es passieren überraschende Brüche und die Frauen setzen sich klar von einander ab. Als von Erscheinungen geplagte Künstlerin macht sie mit großer Variabilität die unterschiedlichen Figuren in blitzschnellen sprachlichen Wechseln lebendig. Beim Bericht über die türkische Putzfrau hat sie - nicht nur beim Anbieten des Tees - einen herrlichen direkten Draht zum Publikum.

Auch die zwei Teile des Geld-Monologs sind wundervoll gespielt. Aber hier ist die Geschichte in der Textvorlage so ins Absurde gesteigert, dass es im Anfang auf mich erst einmal verwirrend und am Schluss als überflüssiges Anhängsel wirkte. Dessen ungeachtet habe ich mich gemeinsam mit den anderen Zuschauern an diesem Abend glänzend intelligent unterhalten gefühlt. Es wurde mit Recht sehr stark applaudiert.

Rainer Gerlach für radio-mensch
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