Mozart Requiem: Ballett von Mario Schröder Musik von W. A. Mozart Texte von Pier Paolo Pasolini an der Oper Leipzig

Mozart Requiem: Ballett von Mario Schröder Musik von W. A. Mozart Texte von Pier Paolo Pasolini an der Oper Leipzig´, Zu Beginn läuft die Zeit unaufhörlich und hektisch durch den Zuschauerraum, aus allen Lautsprechern ticken Metronome beharrlich und erbarmungslos - im Gegensatz dazu schweben zeitlose Wesen bewegungslos an Trapezschaukeln auf
der Bühne - die Aufmerksamkeit des Publikums ist sicher für einen bewegenden Ballettabend, der viermal lyrische Texte und einige Filmsequenzen von Pasolini einfließen lässt, die sich thematisch in die Musik problemlos einfügen. Das Gewandhausorchester unter Leitung von Jeremy Carnall und die Gesangssolisten bleiben im Graben, der Chor steht links und rechts stufenförmig bis zum Rand der Bühne und sie geben dem Abend eine eindrucksvolle Klangfülle. Mit schüchternen Bewegungen und einprägsamer Stimme zitiert der Chordirektor der Leipziger Oper Allessandro Zuppardo die Gedichte von Pasolini, zuerst kurz in Italienisch, geht ins Deutsche über und behält dabei die Sprachmelodik, ein heimlicher Star des Ballettabends sozusagen, wenn man bedenkt, wie schwer es ist, Lyrik allgemeinverständlich in so großem Rahmen zu deklamieren.

Die Solisten und die Gruppe des Leipziger Opernballetts tanzen engagiert und überzeugend die Bestandteile der Totenmesse, zeigen Bilder zwischen Leben und Tod, Melancholie und Schwerelosigkeit, Todesnähe und dem unbedingten Willen, weiter zu leben.

Die geniale Musik Mozarts lässt Räume offen für die Wahrnehmung des Todes - Mario Schröder und das gesamte Ensemble haben für eine reichliche Stunde ihre Sicht auf das unvermeidliche Ereignis am Ende des Lebens gezeigt - vielschichtig, emotional und glaubwürdig.
Angela Trautmann für radio-mensch

Das Nibelungenlied - Ballett von Mario Schröder in der Oper Leipzig

Wer die mittelalterliche Nibelungensage nacherzählt erwartet, ist falsch in der Aufführung des Leipziger Balletts. Im Zentrum steht die Lebensgeschichte Kriemhilds (getanzt von Isis Calil de Albuquerque), ihre Entwicklung vom unbefangenen Kind bis zur enttäuschten Frau, die sich rächt für die angetanen Verletzungen und Intrigen innerhalb ihrer gesellschaftlichen Position, die den
Mord an ihrem Mann Siegfried (getanzt von Tyler Galster) nicht hinnehmen kann und will. Den Rahmen der Geschichte bilden die königlichen Familien von Burgund und der Hunnen und deren Gefolge. Die Tänzerinnen und Tänzer erzählen einige Geschichten aus dem Nibelungenlied; die Begegnung Kriemhilds und Brunhilds (getanzt von Amelia Walter), die sich richtig gut streiten, wer zuerst in die Dompforte zu Worms eintreten darf. Der Onkel der Prinzessin Kriemhild, Hagen von Tronje (getanzt von Tomas Ottych) lässt sich bereitwillig benutzen für den Mord an Siegfried. Urania Lobo Garcia tanzt beeindruckend das zweite ICH Kriemhilds, wie sich die Liebe zu Siegfried nach dessen Ermordung in Trauer und Wut verwandelt. Kriemhild heiratet aus Berechnung Etzel aus dem Hunnenland (getanzt von Kiyonobu Negishi), gründet eine Familie. Hagen tötet auch das Kind, hinterlässt große Verzweiflung und der große Vernichtungsangriff beginnt. Es ist ratsam, sich vor dem Besuch des Ballettabends die Nibelungensage durchzulesen oder zu googeln, sonst verliert man leicht den Überblick. Fritz Langs Stummfilm aus dem Jahre 1924 bestimmt das Bühnenbild, Teile des Films werden großflächig auf Leinwände projiziert, die Wände können bewegt werden und damit das Szenenbild verändern. Schwierig war es, sich gleichzeitig die Filmsequenzen anzusehen und dem Tanzgeschehen auf der Bühne zu folgen. Überraschung des Abends war für mich die Musik (Thomas Leboeg und Andi Haberle), eigens komponiert für die Ballettinszenierung des Leipziger Opernhauses. Beide Musiker sitzen in Frack und Turnschuhen sichtbar im hochgefahrenen Orchestergraben, fast wie in einer Burg umgeben von Mauerstücken.

Es kamen Schlagzeug, Klavier, Xylophon, Synthesizer, alles ein wenig elektronisch zum Einsatz und man hört Geräusche wie bei einem Hörspiel. Der zeitgemäße Rhythmus und die verträumten Klänge und der moderne Tanzstil Mario Schröders passen gut zusammen. Kurz vor dem Ende des Stücks ein großes Feuer auf der Leinwand, die Burgunder und die Hunnen (getanzt vom Ensemble des Leipziger Balletts) erschlagen sich gegenseitig, alles kommt in den Flammen um.

Warum das Volk vor dem großen Inferno in Alltagskleidung auf die Bühne kommt, ist unklar. Der Zuschauer hätte auch so verstanden, dass Liebe, Hass, Völkermord und kriminelle Energie aktuelle Themen sind. Das Stück ist aus, Volker der Spielmann alias Fritz Lang (getanzt von Oliver Preiß) hat die Geschichte erzählt, der Film ist abgelaufen und er macht das Licht an. Auf die Bühne werden die Steine von der Burg der Musiker geworfen, es bleibt ein Trümmerhaufen, eine Ruine mit deren Bedeutung wir uns im Sinne des Nibelungenliedes auseinandersetzen können.

Angela Trautmann für radio-mensch

Decadence am Opernhaus Leipzig

Am Ende begeisterter Applaus für einen interessanten und unterhaltsamen Ballettabend der Leipziger Ballettkompanie, die sich für ihr neues Stück "Decadence" den israelischen Choreografen Ohad Naharin engagiert hat. Gaga heißt die von ihm angewendete Trainingsmethode, die Tänzer trainieren im Ballettsaal ohne gewohnte Reflexion im Spiegel, müssen sich auf ihren Körper und
ihre Persönlichkeit bewusst besinnen. Die improvisatorische Möglichkeit der Technik zeigt gleich am Anfang der Tänzer Kiyonobo Negishi, einfach locker daherkommen und dann aus sich selbst heraus zu tänzerischer Höchstform auflaufen. Die anderen Ausschnitte aus Ohad Naharins Choreografien waren dann doch einstudiert.
Zu verschiedenen Klängen von klassischer über hebräischer bis zu rockiger Musik zeigen die Choreografien, was Tanz kann: zwischenmenschliche Beziehungen hinterfragen: wo bleibt der Einzelne in einer fest gefügten Gruppe? Die Suche nach erfüllter Zweisamkeit oder Gruppendynamik als Notwendigkeit oder Selbstzweck? Die intensive und positive Spannung der Tänzerinnen und Tänzer übertrug sich auf den Zuschauer und sie kann sich auflösen, wenn sich die Tänzer aus dem Publikum einen Partner holen und mit ihnen auf der Bühne loslegen, Tanzen kann Spaß machen, auch wenn der Zuschauer die Anstrengung des Profitänzers nicht sehen soll und von der Leichtigkeit des Seins überzeugt werden will.

Erstaunlicher Weise hat man im Verlauf des Abends gar nicht gemerkt, dass die Dekoration einfach nur schwarz war, bestens ausgeleuchtet von Avi Yona Bueno (Bambi) konnte die Leipziger Ballettkompanie in zeitgemäßen Kostümen von Rakefet Levy ihr Können zeigen und den Zuschauer nach 70 Minuten schwungvoll und begeistert in den Alltag entlassen.

Angela Trautmann für radio-mensch

Othello: Ballett von Mario Schröder in der Oper Leipzig

In 19 Bildern wird die Geschichte Othellos erzählt, der besonders auf militärischem Gebiet erfolgreich ist, aber als Farbiger in der Gesellschaft nur als Exot geduldet wird. Er verliebt sich in Desdemona, die Tochter eines mächtigen weißen Staatsmannes. Mario Schröders Ballett stellt sich die Frage: Was kann die Liebe zerstören? Die
Gesellschaft grenzt beide gnadenlos aus; Jago, ein Offizier und Weggefährte Othellos, lässt sich zu einer Intrige hinreißen, um Eifersucht und Selbstzweifel in Othello zu wecken, was ihm erfolgreich gelingt.

Musikalisch bedient sich Mario Schröder bei Henry Purcell, Arvo Pärt, Dimitri Schostakowitsch und Georg Friedlich Händel, gespielt vom Gewandhausorchester unter Jeremy Carnall. Den Bezug zu Shakespeare verkörpert der Countertenor Jakub Jozef Orlinski als Geschichtenerzähler mit sichtlichem Spaß an der Gestaltung seiner Rolle.

Othello erscheint fünfmal auf der Bühne: Othello der Empfindsame (Tyler Galster), Othello der Liebende (Ronan dos Santos Clemente), Othello der Politiker (Nikolaus Tudorin), Othello der Krieger (Mark Geilings), Othello der Fremde (Piran Scott). Die Facetten der Persönlichkeit Othellos werden kurz angedeutet, aber im Gesamtverlauf ergibt es keinen Sinn, die Bühne ist gefüllt mit fünf exzellente Tänzern, die sich größtenteils synchron bewegen.

Besonders verwirrend ist es in den Liebesszenen, die sehr sportlich mit gewagten akrobatischen Hebungen beeindrucken, aber keine wirkliche Zweisamkeit zulassen. Laura Costa Chaud als Desdemona tanzt sehr resolut und beherzt, im Verlauf des Stückes verstört und verzweifelt und schwebt am Ende auf einem großen weißen Tuch zur Decke: ein wunderschönes Bild, das wenig an die Zerstörung der Liebe denken lässt, nur die Assoziation zum Taschentuch wird wach, mit dessen Hilfe Jago (Oliver Preiß) seine intriganten Absichten durchsetzen
konnte.

Bewegliche Wände geben den Bildern ihren Spielraum, verwandeln die Bühne in einen Kriegsschauplatz oder einen Palast (Kriegsszene und Siegesfeier im Palast getanzt von der Kompanie des Leipziger Opernhauses) oder geben Jago einen isolierten Platz, seine Fantasien auszuleben. Im zweiten Teil schweben große rote Lichtstreifen in verschiedenen Anordnungen über die Bühne und begleiten parallel zur Handlung den untergehenden Stern der Liebesbeziehung. Der Schlussapplaus zur Premiere war anhaltend und wohlwollend.
Angela Trautmann für radio-mensch
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