Schuld und Sühne in der Skala Leipzig

Die "Schuld und Sühne"-Inszenierung von Martin Laberenz setzt hautnah am Publikum ein. Mit einer Fressorgie vor geschlossenem weißem Vorhang, deren Sinn mir verborgen blieb, wird das Triple Raskolnikow (Manolo Bertling, Edgar Eckert, Sebastian Grünewald) eingeführt. Linda Pöppel und Birgit Unterweger (Sonja Marmeladow, Ermittelnder Staatsanwalt, Raskolnikows Schwester) vervollständigen das mit viel
Spaß, Leidenschaft und Energie spielende Ensemble. Allein Ingolf Müller-Beck (Swidrigailow) vermag leider nicht zu überzeugen. Dies ist schade, denn die Figur Swidrigailow ist der von Martin Laberenz am interessantesten entwickelte Charakter des dreistündigen Abends. Die zunächst bespielte Bühne ist ein white cube, die Zuschauer sehen in ihn hinein wie in einen großen Guckkasten.

Zu Beginn des zweiten Teils befinden sich Zuschauer und Schauspieler in einer intensiven Szene (der Staatsanwalt versucht, Raskolnikow mittels Manipulation ein Geständnis abzuringen) dann auch für kurze Zeit innerhalb des Würfels.

Dostojewskis Kriminalroman wurde dramaturgisch schlüssig bearbeitet. Die Kernszenen der ersten 5 Teile des Romans werden als weitestgehend entpsychologisiertes Diskurstheater dargeboten. Das geschieht mit allerlei theatralischen Verfremdungen; diese sind zum Teil gelungen eingesetzt (Schattentheater, minimalistisches Klangdesign und effektvolle Arbeit mit Licht), zum Teil wird es einfach nur ärgerlich (Warum in aller Welt die englischsprachigen Lieder? Warum die Nacktszene?).

Gebrochen wird der Dostojewski-Diskurs immer wieder von surrealen Traumsequenzen; hier besonders eindrücklich und berührend: Edgar Eckert als tanzender Travestie-Engel. Gespielt wird mit wenigen, aber klug eingesetzten Requisiten.

Der wohl zu versöhnliche 6. Teil von Dostojewskis Epos wird in der Inszenierung ausgespart, alles endet nach dem Höhepunkt des Abends, einer großartigen Bekenntnis- und Abschiedszene (Pöppel und Müller-Beck) mit einer Weltuntergangsphantasie im totalen Bühnendunkel. Alles in allem sah man eine intelligente Inszenierung und ein gut geführtes Ensemble, das sich zu keiner Zeit vom Regisseur alleingelassen fühlte. Aber: Darf man das sagen: "Führen?".
Holger Legler für radio mensch

Die Kunst war viel populärer, als ihr noch keine Künstler wart von Rene Pollesch an der Berliner Volksbühne

Bei der Uraufführung von "Die Kunst war viel populärer, als ihr noch keine Künstler wart" des Autors und gleichzeitigen Regisseurs Rene Pollesch war ich wahrscheinlich der einzige, der zum ersten Mal eine Arbeit von ihm gesehen hat. Um mich herum schienen alle zu wissen, "wie das bei Pollesch so läuft".
Daher wirkten sie am Schluss auch nicht so ratlos, wie ich es zugegebener Weise war. Die Bühne von Bert Neumann stellte mit rotem Portal und der Kopie einer gemalten Hamlet-Kulisse aus dem 19. Jahrhundert sowie einem Orchestergraben ein schmuckes, konventionelles Opernhaus dar. Darin haderte das dazu gehörige Sänger-Ensemble (gespielt von Marlen Diekhoff, Christine Groß, Silvia Rieger, Catrin Striebeck und Marc Hosemann) mit der heutigen Rolle des Künstlers im Kulturbetrieb, hinterfragte Schein und Sein und reflektierte über Schmerz und Tod.

Es wirkte auf mich, als hätte man einem Philosophen, dessen Theorien sonst nicht gelesen würden, ein Theater mit exzellenten Schauspielern zur Verfügung gestellt, auf die er seine Thesen einfach verteilen konnte, um sie als Fragen und Botschaften besser an den Mann zu bringen. Auch die Passagen, die Volker Spengler zugedacht waren, der aus Krankheitsgründen leider ausfiel, ließen sich da anscheinend problemlos anderweitig verteilen.

Die Akteure liefen sprachlich zur Höchstform auf, nur rauschte das alles wie ein rhetorischer Landregen an mir vorbei. Daneben wurde ein bisschen über die Bühne gehetzt und über den Boden gerollt, die Souffleuse zur Freude des Publikums heftig frequentiert und erleichtert lachte man über ein paar Albernheiten, die leicht verständlich waren. Neben dem Grundprospekt gab es noch zwei andere, einen Kino-Eingang und den Spruch "Don%E2%80%99t look back". Alle drei sorgten für ein bisschen Durcheinander und Behinderungen der Darsteller, wenn sie immer wieder - wie unplanmäßig - rauf und runter fuhren. Irgendein Bezug zum Titel, in dem es ja um Popularität von Kunst geht, stellte sich für mich nicht her. Aber "populär" will Pollesch ja sicher auch nicht sein. Es wirkte auf mich so, als mache er Theater für die offensichtlich zahlreichen Pollesch-Fans, die wie zum regelmäßigen Gottesdienst in seine Aufführungen pilgern. Da sie mit dem kurzen - für mich allerdings langen - Abend etwas anfangen konnten, kann ich sie nur beneiden. Mir ging es leider nicht so.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Der goldene Topf von E.T.A. Hoffmann in der Bearbeitung von Sascha Bunge im Theater an der Parkaue Berlin

Hätte ich nur gewettet. Denn mein Sitznachbar, der durchaus angetan von der Aufführung "Der goldene Topf" im Theater an der Parkaue war, vermutete aber, dass ein Teil des jugendlichen Publikums nach der Pause nicht mehr in den Saal kommen würde. Er wurde eines Besseren belehrt. Und das, obwohl man es
den Zuschauern nicht gerade leicht macht. Warum folgten sie also aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne und applaudierten am Schluss kräftig? Ich glaube, weil sie mit Figuren konfrontiert wurden, bei denen ihnen vieles vertraut war, sich aber auch immer wieder neue Entdeckungen machen ließen, weil merkwürdige, rätselhafte Dinge passierten. Ganz abgesehen davon, dass auch immer eine Menge auf der Bühne los war. Der Student Anselmus (Andrej von Sallwitz), der genau wie die jungen Zuschauer gerade anfängt, seinen Lebensweg zu finden, gerät durch Liebe und Magie in ein ständiges Wechselbad zwischen Realität und die Welt der Mythen.

Sascha Bunge hat das vielschichtige Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann für sich gedeutet, aber nicht künstlich geglättet. Vor allen Dingen hat er die sprachliche Kunstebene erhalten, sich nicht durch Alltagsdialoge beim Publikum angebiedert. Und das Ensemble konnte die Texte auch sprechen! Die Gedanken waren nicht nur klar, sie waren auch ohne akustische Verstärkung mühelos zu verstehen. Das ist beileibe nicht in allen Berliner Theatern der Fall. Ja, es gab auch einmal den Einsatz von Mikros bei einer längeren Textpassage der beiden Serpentinas (Katrin Heinrich, Corinna Mühle), die diese übrigens bravourös meisterten. Aber da wurde durch die Technik eine besondere Ebene geschaffen, hatte es einen inhaltlichen Sinn. Das gleiche gilt für die Videoeinspielungen, die ich sonst so oft als überflüssigen modischen Schnickschnack empfinde. Hier haben sie auf lustige und naive Weise miterzählt. Das gleiche gilt für die Ausstattung, die ständig mit Überraschungen aufwartete. Es hat mir gefallen, dass Veronika (Franziska Krol) nicht nur scharf darauf war, Frau eines Hofrates zu werden, auch wenn sie sich am Ende dafür und gegen ihre Liebe entscheidet.

Ich will hier nicht alle Mitglieder des Ensembles nennen, aber es gab bei allen eine Menge schöner Details zu bewundern. Dass nicht nur phantasievoll, sondern auch sorgfältig gearbeitet wurde, merkte man schon ziemlich früh, als die Ärzte (hier mehr Schwestern) nicht nur eine Gruppe, sondern individuelle Charaktere waren. Sascha Bunge "schont Prospekte nicht und nicht Maschinen", Frauen spielen Männer, Männer spielen Frauen, eine Figur wird von zweien dargestellt. Aber das zeigt sich als lebendiges Theater im Dienst einer Geschichte, zum Glück nicht als Mittel der Selbstdarstellung. Ich bin die verschlungenen Pfade der Geschichte gern mitgegangen, auch wenn es für mich vor der Pause ruhig ein Viertelstündchen kürzer hätte sein können.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Der Turm Gedanken zum Gastspiel des Staatstheaters Dresden in Berlin zu den Autorentheatertagen und der Aufführung am Hans-Otto-Theater Potsdam

Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" über die letzten Jahre der DDR malt mit extremer Detailverliebtheit und an Thomas Mann erinnernden Sprachkonstruktionen ein großangelegtes Panorama. Daraus eine praktikable Bühnenfassung zu filtern ist eine Mammutaufgabe. Umso erstaunlicher, dass das gleich zwei Mal geschehen ist. Die Fassung des Staatstheaters Dresden von Jens Groß
und Armin Petras gab es zuerst, die Variante von John von Düffel erlebte Aufführungen in Wiesbaden und Potsdam. Ich hatte nun Gelegenheit, die Aufführung des Staatstheaters Dresden in der Regie von Wolfgang Engel bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin zu erleben. Die Potsdamer Inszenierung von Tobias Wellemayer konnte ich mir vor einer Woche ansehen. In beiden Fällen habe ich erlebt, dass man versucht hat, wirklich Tellkamp auf die Bühne zu bringen, nicht den Stoff lediglich als Rohmaterial zu benutzen. Und bei durchaus unterschiedlichem Zugriff haben beide Inszenierungen ihr Publikum erreicht, nicht zuletzt durch die ausgezeichneten Schauspielensembles.

Bei der Dresdner Aufführung bot sich auf der mehrstöckigen Bühne mit verschiedenen Balkons ein aus vielen Mosaiksteinchen zusammengesetztes Bild einer Gesellschaft. Dadurch wurden zahlreiche Geschichten und Beziehungen nur angerissen und wer den Roman gelesen hatte, war deutlich im Vorteil. Ich habe mir das interessiert angesehen, allerdings ohne emotional gefordert zu werden. Das ging mir in der Potsdamer Inszenierung anders. Hier war die Geschichte auf die Entwicklung Christians, der Haupt- und Erzählerfigur des Romans, gestellt. Wenn Holger Bülow mir auch manchmal zu durchgängig "unter Strom" stand, war ich doch stark berührt. Und ich hatte den Eindruck, dass das einem großen Teil des Publikums, gerade auch des jungen, ähnlich ging.

Wie in Dresden wurde auch in Potsdam glücklicherweise kein Ostalgie-Dekor verwendet, sondern ein Wald auf die Bühne gestellt, in dem die Figuren wie aus dem Nebel auftauchten und verschwanden. Manchmal auch in Vitrinen, die mich an die Wagen der Drahtseilbahn zum "Weißen Hirsch" erinnerten. Beide Inszenierungen dürften für viele ein anregender Ausgangspunkt für eine weitergehende Beschäftigung mit DDR-Geschichte sein. Doch bei allen Verdiensten der beiden Bearbeitungen bleibt für mich naturgemäß ein Verlust gegenüber dem Roman. Vielleicht kommt ja irgendwann ein Autor, der ein eigenständiges, vielschichtiges Theaterstück zu diesem Thema schreibt.
Rainer Gerlach für radio-mensch

Die Hofmeister 2. Akt am Maxim Gorki Theater Berlin

Nachdem mich der erste Akt des Projektes "Die Hofmeister" vom Maxim-Gorki-Theater und dem Campus Rütli in dem den Neuköllnern und ihren Gästen direkt im dortigen Kietz eine "Freistunde" geschenkt wurde, sehr begeistert hatte, bin ich mit großen Erwartungen zum 2. Akt gegangen. Das Motto war: "Jeder Mensch ist ein Lehrer"
und dieses Mal traf man sich im Theater. Um es gleich vorweg zu nehmen: Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ich hatte sogar das Glück einen Sitzplatz zu ergattern, offenbar füllten deutlich mehr Zuschauer das Parkett als erwartet. Ein Parkett, in dem es keine Stuhlreihen mehr gab, sondern zentral eine Kreuzung aus zwei Laufstegen, um die herum unterschiedliche Sitzgelegenheiten gruppiert waren. Das hatte ein bisschen was von Konferenztisch, wurde auch als solcher genutzt, als man in mehreren Blöcken noch einmal die Lehrerkonferenz nachspielte, die schon in Neukölln zu sehen war.

Aber diese Teile, sowie Live-Interviews mit Lehrern und Zitate verschiedener Aussagen aus Neukölln wurden in eine spannende Beziehung zu Szenen aus dem Stück "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz gesetzt, die von den Schauspielern Hilke Altefrohne, Julian Mehne, Ninja Stangenberg und Gunnar Teuber gespielt wurden. Am Schluss wurde eine Figur des Stückes sogar von den Mitgliedern der Golden Gorkis dargestellt. Und wenn sich das Drama, das Lenz als Komödie untertitelt hatte, mehr als Tragikomödie entpuppte, lagen auch bei den verschiedenen aktuellen Ansichten und Zustandsbeschreibungen Komik und Tragik für mich eng beieinander. Der ganze Abend war eine spannende, engagierte Auseinandersetzung mit dem Thema Bildung und ich kann nur hoffen, dass die Aufzeichnung, die zum Glück von der Veranstaltung gemacht wurde, von vielen, die sich auf allen Ebenen mit diesen Problemen herumschlagen, zur Kenntnis genommen wird. Man kann dem Regisseur Peter Kastenmüller und seinem Team sowie den vielen Unterstützern gar nicht genug dafür danken, so geschickt Theater und Wirklichkeit zusammengeführt zu haben. Hier wurde Verständnis für einander geweckt und ganz nebenbei unverkrampfte Integration praktiziert.

Mich hat auch noch sehr gefreut, dass die Zuschauer bei den Szenen aus dem Stück sofort Bezüge zum Heute herstellten, ohne dass man ihnen das schon interpretatorisch vorweggenommen hatte. Vielleicht macht das ja manchem Regisseur Mut, sich auch mal auf die Kraft der Stücke zu verlassen.
Rainer Gerlach für radio-mensch
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