Richie Beirach - Das Schweben im Raum im Liveclub Telegraph Leipzig

Richie Beirach sitzt vor seinem Konzert umgeben von jungen Leuten plaudernd an einem Tisch. Er verbreitet um sich eine entspannte Atmosphäre, es ist zu spüren, dass ihm Respekt und Sympathie entgegengebracht wird. Seit 2000 hat Richie Beirach in Leipzig seinen neuen Lebens- und Wirkungskreis gefunden, er unterrichtet an der Hochschule
für Musik den Nachwuchs am Jazzpiano. Der 1947 in New York geborene Musiker kann auf eine erfolgreiche und produktive Laufbahn als Jazzmusiker zurückblicken. Nach einer klassischen Ausbildung kommt er Mitte der 1960er Jahre in Kontakt mit der New Yorker Jazz-Szene und beginnt in den dortigen Clubs zu spielen. Es würde den Rahmen sprengen, alle bedeutenden Musiker aufzuzählen, mit denen Richie Beirach sei es als Sideman oder als Leader zusammengearbeitet hat. Nach einer einjährigen Ausbildung am Berklee College Of Music in Boston tourt er 1972 intensiv mit Stan Getz, einem Repräsentanten des West Coast Jazz. In Boston hat er viele Musiker kennengelernt, die in der anfangs der 1970er Jahre eine maßgebliche Rolle spielen werden. Zu diesen gehört Dave Liebman, in dessen Band "Lookout Farm" Richie Beirach ab 1973 festes Mitglied wird.

Hier wird die Basis für eine langjährige musikalische Zusammenarbeit mit Dave Liebman gelegt, die bis in die heutige Zeit reicht. Das Programm beginnt mit einer Improvisation. Improvisationen bestimmen, mit einigen Stücken aus dem Great American Songbook wie "Moonlight In Vermont", den weiteren Verlauf des Abends. Richie Beirach ist als Pianist ein Meister der Pausen. Das Publikum wird nicht unablässig mit Noten überschüttet. Er erzeugt eine Stimmung, in der jeder seinen eigenen Gedanken und Träumen nachhängen kann. Manchmal ist über Richie Beirachs Pianospiel als Oberton sein Mitsingen zu vernehmen, in diesen magischen Momenten kann man im sehr gut gefüllten Liveclub eine Stecknadel zu Boden fallen hören, die Töne schweben im Raum.

In diesen Phasen seines Auftritts kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass Richie noch immer tief im Fusion Jazz verwurzelt ist, diesen aber nicht unablässig repetiert, sondern in seine Improvisationen zeitgenössisch integriert. Seine Musik könnte in jedem Konzertsaal bestehen. In einem Club wie dem Telegraph aber erzeugt sie eine ungemein persönliche und intime Atmosphäre. Es ist Leipzigs Musikleben zu wünschen, noch lange von Richie Beirach und seiner Kunst bereichert zu werden.

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Drei vom Rhein - Uncle Frank´s Universe im Liveclub Telegraph Leipzig

Frank Zappa zu covern ist nicht einfach. Musiker, die das versuchen, haben es gemeinhin mit zwei Schwierigkeiten zu tun: Zum Einen hat der Meister viele Titel mit nicht gerade sehr kleinen Besetzungen eingespielt, bei seinen Tourneen standen manchmal schon regelrechte Big Bands auf der Bühne. Zum anderen stellt seine Musik
hohe Ansprüche an das Können der ausführenden Musiker. Das aus Köln stammende Quartett "Drei vom Rhein" hat beide Klippen auf elegante und gekonnte Art umschifft. Ihre Auswahl der Titel aus Zappas Gesamtwerk ist geschickt getroffen, sie haben ihr Hauptaugenmerk auf rockige Songs gelegt, bei denen der Anteil von Keyboards und Bläsern nicht dominant ist. Zum anderen haben die Mitglieder der Band die instrumentalen Fertigkeiten, um die Songs gekonnt umzusetzen. Hauptprotagonist ist Werner Neumann, der eine wahrhaft zappaeske Gitarre spielt.

Der Leadsänger und Gitarrist Pit Hupperten bringt die Vocalparts souverän auf den Punkt und liefert so ganz nebenbei noch eine lockere und humorvolle Bühnenshow. Den rhythmischen Background liefern Helmuth Fass am Bass und Alex Vesper an den Drums. Sie haben keine Probleme mit den vertrackten Rhythmuswechseln. Neben Pit Hupperten betätigen sich alle anderen auch als Backgroundsänger. Das Repertoire umfasst Werke aus allen Schaffenperioden Zappas, es reicht von Doo Wop - Titeln mit den Mothers aus den 60ern ("Love Of My Life") bis in die 80er Jahre. Einer der Höhepunkte ist "Stick It Out" vom Album "Joe´s Garage", das mit einem funkigen Mittelteil versehen wird. Die 70er Jahre sind u.a. mit "I´m The Slime" und "Dirty Love" auch gut vertreten.

Den Abschluss des Konzertes bildet die Funk-Eigenkomposition "Silikon" mit einem höllischen Parforce-Ritt der Rhythmus-Sektion. Vielleicht sehen wir ja die "Drei vom Rhein" in nächster Zeit mit einem anderen Programm in Leipzig, der Auftritt im Liveclub Telegraph hat Appetit auf mehr gemacht.

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

The Profs - Erwärmender Winterabend im Liveclub Telegraph Leipzig

Glückliches Leipzig! Welche Stadt in Deutschland kann seiner Jazzgemeinde eine Band anbieten, die sich aus Professoren der dort ansässigen Musikhochschule zusammensetzt. Eben diese Band, bekannt unter dem Namen The Profs, begeistert ihr Publikum im restlos gefüllten Liveclub Telegraph. Pianist Richie Beirach, Johannes Enders am Tenorsaxophon, Posaunist Simon Harrer, Werner Neumann
an der Gitarre, Keyboarder Ralf Schrabbe, Kontrabassist Pepe Berns und Heinrich Köbberling an den Drums beginnen ihre Performance mit einen verhalten vorgetragenen, stimmungsvoll melancholischen Stück. Im weiteren Verlauf des Abends kann man den Klängen von exzellent miteinander harmonisierenden Musikern zuhören, die dem modernen Jazz ihren Tribut zollen.

Bass und Schlagzeug bilden einen perfekten Rhythmusteppich, sind aber, was solistische Ambitionen an diesem Abend betrifft, eher zurückhaltend. Das tut aber ihrer Spielfreude keinen Abbruch, die besonders aus Heinrich Köbberlings Mienenspiel abzulesen ist. Wunderbar, wie Richie Beirach mit sparsam eingesetzten Einwürfen seines Pianos immer wieder besondere musikalische Akzente setzt. Johannes Enders, Ralf Schrabbe und Werner Neumann beweisen mit ihren Soli, dass sie zu den Ausnahmekönnern ihres Fachs gehören. Als Gast liefert Simon Harrer kurz vor dem Ende des Konzerts ein fulminantes Solo auf der Posaune ab. In den besten Momenten wird man in dieser kalten Winternacht durch die Musik emotional an einen wärmeren Ort versetzt.

Der Abend endet wie er begonnen hat, mit einem ruhigen Titel. Man könnte zu jedem Musiker eine ausführliche Darstellung seiner musikalischen Hintergründe und Aktivitäten beisteuern, das würde jedoch den Rahmen bei weitem sprengen. Hier sei an die Möglichkeiten des www. verwiesen. In unserer Umgangssprache nimmt in letzter Zeit der Begriff des "Wertkonservatismus" einen beachtlichen Raum ein. Vielleicht ist dieser Begriff im besten positiven Sinne als Synonym für den schöpferischen Umgang dieser Band mit der Tradition des modernen Jazz zutreffend.

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Roaring 420s und Torpedo Dnipropetrovsk im hinZundkunZ Leipzig

Im hinZundkunZ, dem ehemaligen Uhrmacherladen am Rand von Leipzig-Leutzsch geht noch was. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, nach ihrem Konzert in Dresden absolvieren die Roaring 420s die zweite quasi "Generalprobe" für ihre bevorstehende Europatournee im prall gefüllten hinZundkunZ. Bevor sie loslegen, bringen Torpedo Dnipropetrovsk ihre neuesten Werke zu Gehör.
Die mit zwei Gitarren, Bass und Drums besetzte Band lässt von Beginn an Reminiszenzen an die walisische Band Lovesculpture aufkommen, die Ende der 1960er Jahre eine kurzlebige Existenz als am Bluesrock orientierte Band fristete, die größte Aufmerksamkeit aber mit einer ungefähr zehnminütigen Adaption von Aram Chatschaturjans "Säbeltanz" ("Sabre Dance") für Furore sorgten. Nach zwei Alben löste sich Love Sculpture auf, Gitarrist Dave Edmunds gründete Rockpile und wurde zu einer der wichtigsten Figuren der Rockabilly-Szene. Torpedo Dnipropetrovsk bevorzugen genau jenen Zwei-Gitarren-Sound, als besonderen Gag bringen sie diverse slawophile Einflüsse in ihre Musik ein, unternehmen aber auch Abstecher in den Wilden Westen.

Band und Publikum haben sehr viel Spaß am Gig. Man kann gespannt auf die weitere Entwicklung der Musiker sein, ob sich das heutige Konzept bis in alle Ewigkeiten weiter trägt, bleibt abzuwarten. Die Roaring 420s aus Dresden liegen stilistisch auf einer ganz anderen Ebene, sie haben sich einer interessanten Mischung aus Garagenpunk der 1960er, Psychedelia und kalifornischem Surfin´-Sound verschrieben. Zum aus Gitarre, Bass, Drums und Orgel gehörenden Instrumentarium kommt noch der gelegentliche Einsatz einer Sitar, die von den Byrds in die Rockmusik eingeführt wurde. Nach zwei bis drei Stücken sind sie auf Betriebstemperatur und strahlen ihre Hitze auf den Raum und seine Insassen aus.

In Deutschland gibt eine nicht sehr große, aber treue Fangemeinde, die auf diese Art von Retro Rock abfährt. Dieses Subgenre hat in den letzten Jahren eine Reihe interessanter Bands hervorgebracht, die sehr unterschiedlichen Facetten einbringen. Die Roaring 420s gehören dazu und sie haben sich einen eigenen Stil erarbeitet, der aufhorchen lässt. Am gelungensten sind die Songs, wo die Orgel mit einem zuweilen herrlich dreckigen Sound die Akzente setzt. Diese war auch ein gern benutztes Instrument im amerikanischen 60er Garagenpunk.

Zum Repertoire gehören neben Eigenkompositionen auch Cover wie das soulige, viel interpretierte "Turn On Your Lovelight" von Bobby Bland und das für die frühen Pretty Things charakteristische, erdige und provokante "L.S.D." Aus allen Elementen rühren die Roaring 420s einen bekömmlichen Mix zusammen, der um einen Erfolg ihrer ersten großen Tour nicht bangen lässt.

Die Setlist: Sitarrr; Hot Way; Saturday Night, Blow; I´ve Had Enough; L.S.D.; Bury My Burden; Tombstoned, What Ever Palace; Blue Jay; Orgel 1; Yes, I Am; Turn On Your Lovelight; Tourist, Hey Hey Rider; Starshine Blues

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Petit Mort - Argentinischer Grunge im HinZundkunZ Leipzig

Auch dieses Konzert muss der Fußball-EM ihren Tribut zollen. So leer wie die Straßen sind auch die Räume des HinZundkunZ, einige Versprengte sitzen im Hof und trinken ihr Bier. Dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland ist es also geschuldet, dass die heutige Hauptband zu fortgeschrittener Stunde als Erste auftritt.
Das Power-Trio Petit Mort mit Michelle Mendez (Guitar/Vocals), Juan Manuel Recio (Bass/Vocals) und Sebastian Olarte aus der argentinischen Metropole Buenes Aires unternimmt seit 2010 ausgedehnte Tourneen auf dem südamerikanischen und europäischen Kontinent. Die 2007 gegründete Band hat sehr intensive Bezüge zum Grunge der 1990er Jahre. Der Ausdruck Petit Mort stammt aus dem Französischen und ist dort eine elegante Umschreibung für den Orgasmus. So kommt es der Bedeutung des Bandnamens entsprechend von Anfang an nicht etwa zu einem Vorspiel, nein die Musik geht sofort in die Vollen.

Die Rhythmussektion läuft wie ein Schweizer Uhrwerk und Frontfrau Michelle Mendez zeigt mit ihrer Stimme und ihrem Gitarrenspiel nicht die geringste Zurückhaltung. Mit ihrem südamerikanischen Temperament hat sie in kürzester Zeit die Herzen und Tanzbeine der Zuhörer (der Raum ist mittlerweile gut gefüllt) erobert. Petit Mort präsentiert sich als gewachsene Einheit, der groovende Sound stimmt in allen Belangen. In einem kurzen Intermezzo zeigen Bassist und Drummer die Perfektion ihrer Zusammenarbeit.

Zu mitternächtlicher Stunde kommt dann der ursprüngliche Support Computer Says No! zu seinem Auftritt. In diversen Studioaufnahmen ist diese Band noch als Quartett im Stil der frühen Kinks zu hören. Irgendwie ist ihnen der Leadgitarrist abhanden gekommen. Als Trio präsentieren sie ein Stilgemisch aus Beatkeller, Garage, Velvet Underground und etwas Punk. Das alles klingt etwas überambitioniert: Das Loch, das die fehlende Leadgitarre hinterlassen hat, macht sich eben doch nachteilig bemerkbar. Vielleicht ist die Band gerade auf der Suche nach einem Anfang.

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch
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