Torun Eriksen in der Reihe Werk 2 zu Gast in der naTo Leipzig

Die norwegische Sängerin Torun Eriksen hat sich mit ihren bislang drei Alben einen guten Ruf erarbeitet. Sie begann im frühen Kindesalter ihre Gesangskarriere in einem Gospelchor. Nach einem musikalischen Ausflug in die 1970er hat sie sich dem Jazz verschrieben. Heute haben wir die Gelegenheit, sie in der Leipziger naTo Live
mit ihrer Band zu erleben. Ihre Tourneeband besteht aus einer Rumpfbesetzung mit Kjetil Dalland (Bass), David Wallumrod (Piano, Keyboards) und Andreas Bye (Drums). Schon mit dem ersten Titel zeigt sich, dass ihre selbst komponierten Stücke für ihre Tourneepräsentation jazziger als auf ihren CDs arrangiert sind. Während sie auf ihren Studioproduktionen instrumentale Elemente von Folk und Rock verwendet hat, reduziert sie den Sound auf eine dezente Begleitung ihrer Stimme durch drei Musiker.

Es wäre müßig, die Liste der Musiker aufzuzählen, die Torun Eriksen beeinflusst haben. Auffallend ist zu Beginn eine Affinität ihrer samtigen Stimme und Arrangements zur nordamerikanischen Soulsängerin Roberta Flack. Torun Eriksen steht nicht für expressive Ausbrüche, sie ist eine Meisterin der leisen Nuancen. Das wird besonders bei ihrem Duett "I Love A Man" mit dem Bassisten Kjetil Dalland erlebbar. Mit "Been Thinking" erleben wir in der gut gefüllten naTo noch die Premiere eines neuen Songs. Ein weiterer Höhepunkt ihres Auftritts ist "Edgar´s Blues", mit dem sie den offiziellen Konzertteil beschließen. Hier hat Keyboarder David Wallumrod seinen großen Auftritt. Es ist einfach erstaunlich, was Torun Eriksen und ihre Begleiter aus einem Blues alles herauskitzeln.

Zu Beginn ihrer Zugabe können sich die Zuhörer ein Lied wünschen. Eine junge Frau reagiert am schnellsten und wünscht sich "Song Of Sadness". Sie hat damit eine sehr gute Wahl getroffen, das Publikum erhält nach kurzem Üben die Gelegenheit, beim Intro und in der Mitte dieses Liedes mitzusingen. Es entsteht eine romantische Stimmung, zu der die intime Ambiente des Raumes beiträgt.

Es ist vorstellbar, Torun Eriksen auch auf großen Bühnen zu erleben. Ob ihre Musik dabei dieselbe Strahlkraft wie in einem Club wie die naTo entfalten kann, erscheint fraglich. Quantität kann Qualität eben nicht immer ersetzen. Mit "Glittercard" beschließen die sichtlich gut gelaunten Musiker den Abend.

Die Setlist: Way To Go; Picking Up The Pieces; ; Passage From The Past; Fever<br />Skin; Stories; I Love A Man; Joy; Been Thinking (Working Title); Under The Rainbow;<br />Edgar´s Blues; Song Of Sadness; Glittercard

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Strom & Wasser feat. The Refugees in der naTo Leipzig

Wir leben in einer "bleiernen Zeit". Dieser Begriff entstammte dem Gedicht "Der Gang aufs Land" von Friedrich Hölderlin und wurde 1981 von Margarete von Trotta für ihren gleichnamigen Film in Bezug auf die 1950er Jahre in der damaligen BRD verwendet. Betrachtet man sich die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten
zwei Jahrzehnte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der größte Teil der deutschen Wähler sich politisch am liebsten in eine Art Biedermeier zurückversetzt sehen würde. Das Ergebnis der letzten Bundestagswahl und das Abstimmungsverhalten der meisten SPD-Mitglieder zur großen Koalition machen diesen Rückschluss nicht gerade unrealistisch. Dazu kommt eine Kanzlerin, von der keinerlei Impulse zu einer Diskussion über ein Gesellschaftsmodell ausgehen, das in der Zukunft ein menschenwürdiges Dasein für die Bürger nicht nur dieses Landes gewährleisten soll. Stattdessen werden von Politik, Wirtschaft und den sogenannten Leitmedien die Ängste der Mittelschicht vor dem Absturz in das unterste Drittel der Gesellschaft geschürt.

Verbunden damit ist ein mehr oder weniger subtiles Ausspielen verschiedener sozialer Schichten gegeneinander, das wie aktuelle Ereignisse auch in Leipzig zeigen, auf teilweise fruchtbaren Boden fällt. Zu den Personen, die am untersten Rand der Skala in der Bundesrepublik leben, gehören Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge. Nach dieser notwendigen Vorbemerkung ist es nun an der Zeit, auf den Auftritt von Heinz Ratz mit seiner Band Strom & Wasser und dem daran angegliederten Projekt The Refugees einzugehen. Heinz Ratz hat mit diesem Projekt das Anliegen verbunden, die Lebensumstände von Asylanten und Flüchtlingen im öffentlichen Bewusstsein zu verdeutlichen und die sich dort vorhandenen Missstände sichtbar zu machen. Dafür hat er per Fahrrad ungefähr achtzig Asylantenheime besucht und Musiker für gemeinsame Auftritte gefunden, die heute mit Strom &; Wasser auf der Bühne stehen. Mit dabei sind Dawda Nyassi aus Gambia (Vocals), Revelino (Percussion, Vocals) und Jacques Zamle Bi Vie (Percussion, Vocals) von der Elfenbeinküste, Nuradil Ismailov (Vocals) aus Dagestan und Abdolhosain Amini (Vocals) aus Afghanistan.

Während des ersten Konzertteils berichtet Heinz Ratz auch über die gesetzlichen und administrativen Hemmnisse, die zu überwinden waren, um diese ca. 120 Konzerte umfassende Tournee überhaupt zu ermöglichen. Trotz seines lockeren Erzähltones sieht man im Publikum viele nachdenkliche Gesichter.

Die Musik ist ein herrlich anarchistischer Stilmix, der von Punk über HipHop bis zu von afrikanischen Traditionen geprägten Kompositionen reicht. Bei Strom &; Wasser und den Refugees handelt es sich um durchweg professionelle Musiker und die Qualität des Programms vermag die zahlreich erschienenen Zuhörer an Anfang an mitzureißen. Nach einer Pause ist der zweite Part eher auf Party aus, aber das ist auch gewollt. Ganz zum Schluss kommt noch eine längere Session, an der alle Musiker beteiligt sind. Das Projekt The Refugees läuft nach dieser strapaziösen Tournee aus, aber Heinz Ratz bereitet schon das nächste vor, das sich den Frauen in Asylantenheimen widmen soll. Man kann dafür nur alles Gute wünschen und auch hoffen, dass alle Musiker der Refugees nicht mehr von Abschiebungen bedroht sein werden.

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Sleep - Doom Doom im Conne Island Leipzig

Für heute ist Stoner Rock mit einer gehörigen Prise Doom im Doppelpack im Conne Island angesagt. Den Anfang machen A Storm Of Light aus New York. Ihre letzte Produktion "Forgive Us Our Trespasses" ist quasi eine Art Programmmusik, die sich mit dem Buch "Die Welt ohne uns" des amerikanischen Autors
Alan Weisman auseinandersetzt. Dieser beschreibt darin die Fiktion, wie die Erde sich nach dem Verschwinden des Menschen entwickeln könnte und den weiteren Bestand seiner zivilisatorischen Hinterlassenschaften. Die von Beginn an vorherrschenden Töne sind düster und aggressiv, begleitet werden sie von einer adäquaten Lightshow.

Nachdem uns einige Jahre speziell bei Konzerten auf den großen Bühnen Videowände mit den Porträts der Agierenden als Hintergrund begleiteten, greifen in letzter Zeit immer mehr Bands auf das Stilmittel der mit der Musik korrespondierenden Lightshow zurück. Nach der überzeugenden Show von A Storm Of Light füllt sich der Raum nach der obligatorischen Umbaupause in Erwartung von Sleep, der Band aus dem kalifornischen Oakland.

Hinzu kam natürlich ihre Bereitschaft, ihre Lautstärke bis zu einer selbstmörderischen Dezibelzahl aufzudrehen. Ihre unentwegten, donnernden Bluesattacken passten natürlich an besten zu einer Festival-Menschenmasse sonnengedörrter Rockfans oder auch in Clubs, die mit Leuten prall voll gestopft waren, welche in den folgenden drei Tagen keine Verpflichtungen wahrzunehmen hatten." (x) Dieses Zitat von Neil Nixon bezieht sich mitnichten auf Sleep, sondern auf Mountain, einer der Bands neben Black Sabbath und Blue Cheer, denen eine gewisse Rolle als Paten der 1990 gegründeten Sleep zu zustehen ist, und könnte sich auch auf diese beziehen.

Der wummernde Bass von Al Cisneros, von seiner Statur her an den frühen Leslie West erinnernd, wird krachend unterstützt von Jason Roeder´s knochentrockenen Drums, die famose Gitarre von Matt Pike tut ihr übriges. Obwohl schon vorher ein satter Sound den Raum erfüllte, werden jetzt auf die Lautstärker noch einige Dezibel draufgetan.

Ihr Konzert eröffnen Sleep mit einem Ausschnitt aus "Dopesmoker", neben "Jerusalem" eines ihrer früheren Monsterwerke. Zu den weiteren Titeln gehören "Dragonaut", "Sonic Titan" und "Antarcticans Thawed". Doom hat die Eigenart, oft mit tiefer gestimmten Instrumenten gespielt zu werden. Manchmal laufen auch die Gitarren über Bassverstärker.

Die Stücke haben eine gewisse epische Breite, gemessen an ihrer Länge werden relativ wenige musikalische Informationen vermittelt. Das hat den Effekt, dass sie in Verbindung mit dem gewaltigen Volumen des Sounds eine suggestive Wirkung entfalten. Dazu kommt auch hier die Unterstützung durch auf eine sich im Bühnenhintergrund befindende Leinwand projizierte, thematisch assoziierte Videoclips. Sleep ist bekannt für seine textliche Beschäftigung mit religiösen Themen und auch den Erfahrungen mit Cannabis. Der Titel "Dopesmoker" sei Beleg dafür, mir einem weiteren, längeren Auszug aus dem im Original mehr als einstündigen Werk endet ein faszinierender Abend.

(x) Rough Guide Rock, Herausgeber Peter Buckley, Verlag J.B. Metzler, 2004

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Moon Duo sowie Siena Root in der Skala und bzw. im Absturz Leipzig

Wie es der Zufall will, hat die Leipziger Konzertszene an diesem Abend an zwei verschiedenen Spielorten Bands parat, die gleichermaßen zu einem Besuch verlocken. Da die Anfangszeiten nicht unbedingt identisch sind, heißt es, eine kleine Hetzjagd auf sich zu nehmen, um möglichst wenig zu verpassen. Der Abend beginnt in der
Skala, die ihren Betrieb glücklicherweise wieder aufgenommen hat. Der Opener, Camera aus Berlin hat leider eine kleine Verspätung und muss deshalb seinen Gig auf zwei Titel reduzieren. Aber Timm Brockemann (Keyboard), Franz Bargmann (Guitar) and Michael Drummer (Drums) spielen ihren Krautrock derart intensiv, dass die Zuhörer voll auf ihre Kosten kommen. Das Trio, dem besondere Affinitäten zu den Veteranen Michael Rother und Dieter Moebius nachgesagt werden, bevorzugt einen ungeschliffenen Stil, der an frühe Liveaufnahmen von Kraftwerk erinnert. Besonders hervorstechend ist das kraftvolle, wuchtige, mit reduziertem Equipment erzeugte Schlagzeugspiel mit beinahe hypnotischer Wirkung. In Berlin haben sich Camera einen gewissen Bekanntheitsgrad durch spontane Auftritte in S- und U-Bahnstationen und auf der Straße geschaffen. Beim Moon Duo begegnet uns mit Erik "Ripley" Johnson (Guitar/Vocals) ein alter Bekannter, der mit den Wooden Shjips unlängst auf der Hinterbühne des Centraltheaters zu erleben war. Mit seiner (nicht nur) musikalischen Partnerin Sanae Yamada (Keyboards/Vocals) hat er seinen Lebensmittelpunkt aus der ehemaligen Hippie-Hochburg Haight Ashbury in San Francisco nach Arizona verlegt und betreibt das Projekt Moon Duo. Ähnlich wie bei den Wooden Shjips liegt der Schwerpunkt beim Psychedelic Rock. Zur Präsentation ihres neuen Albums "Sleepwalker" gehören natürlich auch die passenden flirrenden Visuals. Anders als bei den Wooden Shjips ergehen sich die beiden Musiker weniger in ausgedehnten Improvisationen sondern bevorzugen kurzes, eingängiges Songmaterial, mit dem sie ihr rauschartiges Flair koppeln. Bei geschlossenen Augen kann man spüren, wie sich die Musik unaufhaltsam ins Gehirn windet. Vielleicht kommt der Begriff "Ohrwurm" aus dieser Ecke. Wer diesen außergewöhnlichen Auftritt nicht erleben konnte, kann sich bei Youtube einen vom Sender KEXP aus Seattle aufgezeichneten Set des Duos in bester Qualität reinziehen. Es ist spät geworden, Zeit, sich auf den Weg zum Absturz in die Südvorstadt zu machen.

Hier sind die Footsteps aus Leipzig als Support noch nicht allzu lange am Wirken. Vor einem knappen halben Jahr traten sie an gleicher Stelle mit der französischen Band Mars Red Sky auf. Von der damals noch zu Tage tretenden Bravheit ist nichts mehr übrig geblieben, sie haben sich spürbar weiterentwickelt. Am Material, knallharter Bluesrock, hat sich nicht viel geändert, aber es wird weitaus druckvoller und aggressiver gespielt. Auch Siena Root gastierten vor einem Jahr im Absturz mit einer begeisternden Performance. Ihr Markenzeichen war über Jahre hinweg die Besetzung des Mikrofons mit einer Sängerin, heute wird dieser Part von einem männlichen Vokalisten wahrgenommen. Damit hat sich auch eine gewisse stilistische Wandlung vollzogen. Der Schwerpunkt liegt bei den Retrorockern mehr den je auf Hardrock Im Stil von Deep Purple, auch der Gesang passt sich hier an. Das Trio mit KG West (Guitar), Sam Riffer (Bass) und Love H. Forsberg (Drums) wird auch heute von Errka an der Hammond-Orgel verstärkt und liefert wieder einen ungemein versierten Set ab. Ihre Musik ist geradliniger geworden, psychedelische und doomige Elemente treten mehr in den Hintergrund. Leider hat man auch den Eindruck, dass trotz aller Perfektion etwas von der ursprünglichen Magie auf der Strecke geblieben ist.

Siena Root - Die Setlist: Intro; Dreams Of Tomorrow; Little Man; Into The Woods; Fever; Conviently Blind; Mishra Kafi; Long Way From Home; Between The Lines; Words Interplay; Rasayana; Coming Home; Bhimpalasi

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Siena Root - Kräftiger Schwedenhappen im Leipziger Absturz

Bevor Siena Root den Leipziger Absturz in ein Paradies für die Fans von Retro aus den 70ern und Stoner Rock verwandelt, haben Patsy Stone ihren Auftritt. Das junge Trio aus Leipzig spielt eine Art Postpunk, garniert mit elektronischen Psychedelia. Eine interessante Kombination, die aber noch nicht allzu ausgereift erscheint. Nach
kurzer Pause wird der Raum dunkel, mächtige Orgelakkorde bereiten die Performance von Siena Root vor. Um es vorwegzunehmen, die Schweden sind eine Liveband per excellance. Ihr Gig mit einem Intro in der Dreierbesetzung, die den Kern von Siena Root bildet zeigt gleich, welche Richtung heute eingeschlagen wird. KG West an der Gitarre, Sam Riffer mit Löwenmähne und Rauschebart am Bass und Love H. Forsberg brettern gleich zu Beginn richtig los.

Da wummern knochenharte Gitarren- und Bass- Riffs unterstützt von krachenden Drums richtig auf die Trommelfelle der Zuhörer. Zum Beginn von "The Rat" besteigt Errka die Bühne und entert die Hammond-Orgel, um ihr sofort ein paar dreckige Töne zu entlocken. Dann schwebt ein elfengleiches rotgelocktes Wesen ans Mikrofon, Chrissi, von der Berliner Band White Rabbit Dynamite ausgeliehen (?). Da steckt wirklich Dynamit drin, ihre Stimme erinnert an Inga Rumpf in ihren besten Tagen und an Grace Slick. Sie bringt diesen Song und auch die mit ihr folgenden überzeugend und mit Power rüber. Dazu muss man wissen, dass Siena Root in ihren frühen Zeiten mit ihrer damaligen Sängerin Sanya auftrat, an der jede Nachfolgerin gemessen wird. Ist mit Chrissi bereits eine würdige Kandidatin gefunden? Bei "Bhimpalasi" greift KG West zu einer Sitar, einem indischen Saiteninstrument und bringt den fernöstlichen Touch, für den die Band bekannt ist, ins Spiel. Im gesamten Konzert meint man, die Geister der 70er Heroen wie Deep Purple, Black Sabbath, Atomic Rooster, Mountain und anderen durch den Raum wabern zu sehen.

Bei "We Are Them" bringen die Musiker von Siena Root auch aus dem Folk Rock entliehene Elemente ein. Nicht umsonst beinhaltet die aktuelle CD "Root Jam" Live-Mitschnitte der Band, hier kommt ihre ihre Power und ihr Improvisationsvermögen am besten zum tragen. Das ist auch im heutigen Konzert zu spüren, das mit "Ridin´ Slow" einen würdigen Abschluss bekommt.

Die Setlist: Intro; The Rat; Waiting For The Sun; Just Another Day ; Bhimpalasi; Rasayana; The Summer Is Old; We Are Them; Time Will Tell; Good And Bad; Ridin´ Slow

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch
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