36. Leipziger Jazztage

Dem Motto der diesjährigen Leipziger Jazztage ist zu entnehmen, dass sie sich thematisch mit zwei bedeutenden Musikern aus der Jazz- und Rockmusik, deren geplante Zusammenarbeit der Tod leider durchkreuzte, auseinandersetzen wollen. Die Rede ist zum zum einen von Gil Evans, dem genialen Arrangeur und Bandleader aus Kanada, dessen 100. Geburtstag
in dieses Jahr fällt. Ein anderes rundes Jubiläum, nämlich der 70. Geburtstag steht für Jimi Hendrix 2012 an. Letzterer war es Ende der 1960er Jahre müde, für ein teilweise ignorantes Publikum weiterhin den rasenden Roland zu spielen, der auf der Bühne Gitarren atomisierte oder abfackelte. Seine Intention bestand darin, gemeinsam mit Gil Evans´ Big Band ins Studio zu gehen, was auch auf dessen Interesse stieß. Neben eigenen Produktionen machte Evans als Arrangeur in den 1950er Jahren für den aufstrebenden Miles Davis von sich reden. Das Ergebnis dieser Kollaboration waren unter anderem die epochalen Alben "Sketches Of Spain" sowie "Porgy And Bess", Höhepunkte und teilweise Abgesang des Cool Jazz. Obwohl Jimi Hendrix nun nicht mehr zur Verfügung stand, war der dem Neuen immer aufgeschlossene Gil Evans entschlossen, sich musikalisch mit Hendrix´ Kompositionen zu beschäftigen. Das setzte er zuerst bei Live-Auftritten (das Konzert 1976 bei der Warschauer Jazz Jamboree bleibt dem Rezensenten unvergessen) um. Schließlich nahm er seine Herde und produzierte mit einigen Gästen das Album ""The Gil Evans Orchestra Plays The Music Of Jimi Hendrix", ein bis heute hörenswertes Werk, das im Laufe der Zeit keine Patina angesetzt hat und durch seine Frische und seinen Ideenreichtum glänzt. Die stilistische Bandbreite, die zu den 36. Leipziger Jazztagen angeboten wird, lässt auf Bewährtes und auch einige Überraschungen zwischen diesen beiden Polen hoffen.
%D0%80.09.2012 - Horns Erben: Evgeny Ring Quartett, Stian Westerhus

Der aus Rostow am Don stammende Saxophonist Evgeny Ring hat sich in der letzten Zeit einen guten Ruf und eine konstante Fangemeinde erspielt. Dem entsprechend groß ist das Gedränge im Bühnenraum von Horns Erben, einem Club in der Leipziger Südvorstadt. "Keine Balladen" heißt die Ansage, und so beginnen Evgeny Ring und seine drei Begleiter mit dem für sie charakteristischen dynamischen Stil, der vor allem auf eine funktionierende Kommunikation zwischen den Musikern aufbaut. In der Rockszene kursiert seit einiger Zeit der Begriff "Retro Rock". Dieser ist keineswegs abwertend gemeint und beinhaltet, dass Bands sich an "Klassikern" der Rockgeschichte orientieren und unter Benutzung diverser Stilelemente ihre eigene Sprache entwickeln. Vielleicht könnte man die Musik des Evgeny Ring Quartetts daran angelehnt mit "Retro Jazz" bezeichnen. Die Bezugspunkte liegen hauptsächlich im modernen Jazz der 1950er bis 1970er Jahre. Das junge Quartett nimmt den Staffelstab auf und liefert eine überzeugende Performance ab.

Auch ein Jazzfestival bleibt von den kleinen Pannen des Lebens nicht verschont. Schon für den Tag zuvor war der Auftritt des norwegischen Gitarristen Stian Westerhus in der Galerie KUB geplant. Nun war der Musiker zwar eingetroffen, allerdings ohne Instrumente und Equipment. Beides war am Montag in Leipzig eingetroffen, so dass Stian Westerhus als zweiter Act des Abends sein Konzert nachholen kann. Norwegen ist ein Land mit einer sehr lebendigen und eigenständigen Musikkultur. Selbst hier stellt Stian Westerhus einen Solitär dar. Er lotet auf seiner Gitarre die Welt der Geräusche bis in tiefste Tiefen aus. Dazu bedient er sich zahlreicher elektronischer Effektgeräte und experimentiert auch mit Rückkopplungen. Es bedarf höchster Konzentration, seinem Konzept zu folgen. Auf dissonante Passagen folgen relaxte Momente, die Westerhus mit dem Bogen seinem Instrument entlockt. Leider hält sich die Dauer seines Konzerts in Grenzen, nach knapp 45 Minuten verlässt er die Bühne.
%D0%81.09.2012 - Moritzbastei: Pink Freud

Anders, als der Name der Band aus dem polnischen Krak%C3%B3w vermuten lässt, bewegen sich die Bezüge ihrer Musik zu den legendären Pink Floyd auf einem minimalen Nenner. Mit einer recht ungewöhnlichen Besetzung (Baritonsaxophon/Flöte, Trompete, Drums, Bassgitarre) starten sie mit eher konventioneller Fusionsmusik in ihr Konzert. In der Mitte des zweiten Titels liefert Wojtek Mazolewski mit seinem plötzlich aufbrüllenden Bass die Initialzündung zu einer fesselnden Kombination von Jazz und Artrock. Es ist zu bemerken, dass sich Pink Freud in den Sphären von Van Der Graaf Generator und King Crimson bestens auskennen. Wie letztere entwickeln sie spannende Steigerungslinien, die in eruptive Ausbrüche münden. Mit ihrer Präzision und Spielfreude sind sie eine wertvolle Bereicherung dieses Festivals.
%D0%82.09.2012 - UT Connwitz: Arve Henriksen Quartett

Der norwegische Trompeter und Keyboarder Arve Henriksen stellt die neue Besetzung seines Quartetts in der stimmungsvollen Ambiente des ehemaligen Kinos UT Connewitz vor. Ihrem bislang dritten Auftritt ist anzumerken, dass das Ziel der Reise noch nicht genau fixiert ist. Der Auftakt besteht aus einem langen, meditativ angelegten Stück. Danach folgt experimentelle Musik. Stilistisch beziehen sie in ihre perkussiv intensive Spielweise Elemente verschiedener Musikkulturen und der nordischen Tradition ein.
%D0%83.09.2012 - Oper Leipzig: WDR Big Band feat. John Taylor, Diana Torto &; Lee Konitz, Sophie Hunger

Herzstück der Leipziger Jazztage sind traditionell die Konzerte in der Oper. Zum Auftakt steigt die WDR Big Band, verstärkt durch den englischen Pianisten John Taylor, die italienische Sängerin Diana Torto und den amerikanischen Altsaxophonisten Lee Konitz in den Ring. Die in der Nachkriegszeit gegründete Big Band ist seit Jahrzehnten ein Garant für Qualität auf höchstem Niveau, Aufnahmen mit vielen Jazzgrößen können das belegen. Das Programm besteht vorerst aus Kompositionen von John Taylor, der aus der englischen Free Jazz- Szene stammt und mit dem Ensemble Azimuth bekannt wurde. Anfang der 1980er Jahre Mitglied vom Gil Evans Orchestra sind seine Stücke dem Geist von Gil Evans verwandt und werden von ihm und der WDR Big Band kongenial umgesetzt. Zusätzlichen Glanz wird allem noch durch die Stimme Diana Tortos verliehen. Die aus den Abruzzen stammende Sängerin, deren Timbre gewisse Ähnlichkeiten mit Flora Purim aufweist, steuert auch noch eigene Kompositionen bei.

Zu guter Letzt betritt noch der Jazz-Globetrotter Lee Konitz die Bühne und begeistert mit seinem Altsaxophon das Publikum. Der Abend, übrigens vom WDR live übertragen, nimmt seinen Fortlauf mit der jungen Schweizerin Sophie Hunger und ihrer Band. Stilistisch ungemein vielfältig, verbindet sie Pop- und Jazzelemente auf eine sehr persönliche Art und Weise und spielt sich in kürzester Zeit in die Herzen der Zuhörer. Sie selbst begleitet ihren ausdrucksvollen Gesang auf Gitarre und Piano. Auch ihre Bandmitglieder tragen überzeugend zum Erfolg des Auftritts bei, besonders zu erwähnen wäre hier Michael Flury, der Posaune und Glockenspiel betätigt. Erst nach stehenden Ovationen und drei Zugaben werden nach einer A Capella- Darbietung die jungen Musiker entlassen.
%D0%84.09.2012 - Oper Leipzig: Verneri Pohjola Quintet, Leszek Modzer &; Zohar Fresco, Nguyen Le

Opener des zweiten Abends in der Oper ist der finnische Trompeter Verneri Pohjola mit seinem Quintett. Dessen Mitglied ist auch Pohjolas Mentor, der Altsaxophonist Jukka Perko. Auch hier sind Bezüge zu Gil Evans hörbar, die Band liefert einen sehr konzentrierten Set ab. Lezdzek Mozdzer gehört zur ersten Garde der polnischen Jazzer und hat im Verlauf seiner Karriere mehrere Metamorphosen durchlaufen. Er tritt im Duo mit dem israelischen Perkussionisten Zohar Fresco auf. Mozdzers aktuelles Projekt beschäftigt sich mit Kompositionen des leider sehr früh verstorbenen Krzysztof Komeda, der in Polen seit Jahrzehnten einen gewissen Kultstatus besitzt und auch als Filmkomponist ("Messer im Wasser" von Roman Polanski) aktiv war. Wie bei einem polnischen Pianisten zu erwarten, ist der Einfluss von Frederic Chopin nicht überhörbar. Das Duo ergänzt sich vortrefflich und entführt das Publikum für die Dauer seines Auftritts in eine romantische Welt.

Tief in der Weltmusik verwurzelt ist der vietnamesisch-französische Gitarrist Nguyen Le. Da aus seiner Sicht dazu auch das musikalische Erbe von Jimi Hendrix zählt, entschloss er sich, diesem ein Projekt zu widmen. Komplettiert wird das Programm mit Rocktiteln von Janis Joplin ("Move Over") , Stevie Wonder ("Past Time Paradise") und Led Zeppelin ("Whole Lotta Love") aus den 1970er Jahren. Ihm zur Seite stehen die ehemalige Magma-Sängerin Himiko Paganotti, der exzellente Vibraphonist Illya Amar und eine funky groovende Rhythmussektion. Das Ergebnis ist eine einzigartige Sichtweise auf diese Musik, schwebende Klänge verbinden sich mit feurigen Rhythmusgewittern.
%D0%85.09.2012 - Oper Leipzig: VEIN feat. Dave Liebman, Jan Vogler, Thärichen´s Hendrixperience Orchestra feat. Annamateur

VEIN, ein Trio um die Brüder Arbenz aus der Schweiz, begleitet das Saxophon-Urgestein Dave Liebman aus New York. Ihr Programm besteht vorwiegend aus Stücken des Great American Songbook. Das ist alles perfekt, geht aber über weite Strecken nicht sonderlich unter die Haut. Der Funken springt erst bei Gershwin´s "I Love You, Porgy", einer im Duett von Sax und Piano vorgetragenen Ballade, über. Die Zugabe zeigt Dave Liebman dann in der erwarteten Form.

Herzstück der Performance des Cellisten Jan Vogler ist Jimi Hendrix´ "Machine Gun", vorgetragen auf seinem Cello von Stradivari. Doch zuerst kommen unter anderem Stücke von Bach und Steve Reich zu Gehör. Die Übersetzung von Titeln aus der Rockmusik ist mittlerweile eine recht häufig geübte Praxis. Das mag bei Songs von Paul McCartney oder anderen Protagonisten funktionieren, Hendrix´ Musik scheint dafür aber nicht das geeignete Material zu sein. Die Komplexität des sich auf den Vietnamkrieg beziehenden Songs kann trotz der Background-Einspielung nicht übertragen werden, darüber hinaus werden Abstriche an der ursprünglichen Länge gemacht.

Der Pianist und Arrangeur Nicolai Thärichen erhielt den Auftrag, Musik von Jimi Hendrix in seinem Kontext zu arrangieren und aufzuführen. Bezüglich Auswahl von Personal und Setlist hatte er alle Freiheiten. In Zusammenarbeit mit der Dresdner Sängerin Annamateur beschloss er, sich diesem Universum von der textlichen Seite her zu nähern. Eine interessante Herangehensweise, die beim Publikum auf positive Resonanz stieß. Hierzu trug auch die beachtliche Stimme von Annamateur einen großen Teil bei.
%D0%85.09.2012 - naTo: RRichie Beirach und Dave Liebman, Magic Friends

In der naTo finden traditionell nach den Konzerten in der Oper noch Sessions statt. Das Wiedersehen von Richie Beirach und Dave Liebman, die in New York eine längere Zeit miteinander spielten, verspricht ein echtes Highlight zu werden. Für etliche Fans aber endet dieser Abend mit einer Enttäuschung, da die naTo hoffnungslos überfüllt und zudem noch bestuhlt ist. Die naTo ist ein sympathischer Club, aber bei dem zu erwartenden Andrang überfordert. Vielleicht wäre für diesen Act ein anderer Veranstaltungsort angemessener gewesen.
%D0%86.09.2012 - Schaubühne Lindenfels: Pablo Held "Glow"

Am frühen Sonntagabend klingen die 36. Leipziger Jazztage langsam mit einem Konzert von Pablo Held und seinem Projekt "Glow" aus. Der Pianist vereint darin Musiker aus Köln und Berlin. Die von Klangmalereien geprägte und gekonnt interpretierte Musik wird von den zahlreich erschienenen Zuhörern wohlwollend aufgenommen und bildet einen gelungenen Abschluss des diesjährigen Festivals.
Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Anna von Hauswolff im Werk 2 Leipzig

Der ursprüngliche Berufswunsch der schwedischen Musikerin Anna von Hauswolff war eigentlich Architektin. Zum Glück für die Musikwelt ist daraus nichts geworden. Doch bevor sie beginnt, ihre Klangkathedralen zu errichten, entführt uns Julia Kent mit ihrem Cello in mystische Gefilde. Die Kanadierin war Mitglied von Rasputina und Antony and the Johnsons,
seit 2007 widmet sie sich ihrer Solokarriere. Mit ihrem elektrisch verstärktem Cello lotet sie die Klangräume zwischen Folk, Rock, Klassik und zeitgenössischer Musik aus. Das erinnert an einen Spaziergang durch einen düsteren, herbstlichen Wald und ist für das Kommende eine passende Einstimmung. Die Rock- und Popmusik wurde in den letzten Jahrzehnten in immer mehr Genres mit Unter- und Untergenres aufgesplittet. Inwieweit das noch sinnvoll ist, muss jeder Fan für sich selbst entscheiden. Es steht aber außer Frage, dass eine, wenn gewollte, Zuordnung von Musikern und Band immer komplizierter geworden ist und jedes Genre seine eigenen (Schubladen-) Spezialisten hat.

Und da wären wir wieder bei Anna von Hauswolff: Für ihre Musik geistert spätestens seit ihrer zweiten CD "Ceremony" der Begriff "Funeral Pop" durch die Medien. Das mag daher kommen, dass sie sich bei Einspielung einer Kirchenorgel bediente und die Texte sich viel mit dem Tod beschäftigen. Bei ihren Liveauftritten ersetzt Anna von Hauswolff die Kirchenorgel kongenial durch eine elektronische Variante und erzeugt vom ersten Ton ihres Konzerts eine vor Spannung knisternde Atmosphäre. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Band, deren Besetzung etwas ungewöhnlich ist, aber haargenau zu ihrer Musik passt. Anna von Hauswolff, die neben ihrer Orgel auch mit einer an Kate Bush und P.J. Harvey ähnlichen Stimme singt, wird von zwei Gitarristen, einem Keyboarder und einem Drummer begleitet. Das Spektrum reicht von einem klaustrophobischen Besuchen in einer Totengruft ("Epitaph Of Theodor") über die dramatische Begleitung eines Sterbenden ("Deathbed") bis hin zu einer skurrilen Erzählung über ihren Großvater, der während seines Lebens allerlei seltsame Dinge erfunden und gebaut hat ("Harmonica"). Nach "Noise" als wörtlich gemeinter Einleitung kommt " Liturgy of Light" überraschend in bester Singer/Songwriter-Tradition daher. Die Musik wird von Visuals untermalt, in denen oft eine Gestalt durch einen nächtlichen Wald irrt, auch Schafe tauchen wiederholt auf. Man darf sich das ganze aber nicht als gemächliche Totenmesse vorstellen, denn neben ihren wohl bekanntesten Titeln "Mountains Crave" und "Funeral For My Future Children" hat sie auch einen neuen Song im Programm, der den Saal fast in ein Inferno verwandelt.

Zur Zugabe verstärkt Julia Kent die Band und hier endet alles in einem Hexensabbath, denn mit Jeff Alexanders " Come Wander With Me" werden noch einmal alle Register gezogen. Anna von Hauswolff outet sich hier als Seelenverwandte von Rose Kemp, die sich leider vor einigen Monaten aus dem Musikbusiness zurückgezogen hat. Man gespannt sein, welche musikalische Entwicklung Anna von Hauswolff in Zukunft nehmen wird, dieses Konzert hat in dieser Richtung viel versprochen.

Die Setlist: Epitaph Of Theodor; Deathbed; Mountains Crave; Noise; Liturgy Of Light; New Song; Sova; Harmonica; Funeral For My Future Children; Come Wander With Me
Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

aMUSEment - Rock im Gewand von Kammermusik in der Moritzbastei Leipzig

Die Interpretation von Rockmusik mit klassischen Instrumentarium reicht bis in die Anfänge dieser Musik zurück. Zum Teil wurden Stücke durch die Hereinnahme von diesen Instrumenten bereichert (z.B. Beatles/Penny Lane - Bachtrompete, Rolling Stones/As Tears Go By - Streichquartett), später wurden ganze Werke für Rockband und Orchester (Deep Purple/Concerto for Group
and Orchestra) geschrieben bzw. Titel für Livekonzerte umarrangiert (Procol Harum/Live With The Edmonton Symphony Orchestra). Das entpuppte sich aber bis auf wenige Ausnahmen als Holzweg, gelungene Beispiele sind eher selten. Ganz schweigen kann man über die unsägliche Legion von Musikträgern, auf denen Rocktitel in übelster Weise in Gebrauchsmusik für Fahrstühle und Supermärkte umgewidmet werden. Dennoch gibt es immer wieder interessante Versuche, Vorlagen aus Rock und Jazz im klassischen Kontext zu interpretieren. So setzte das Wiener Radio String Quartett das Album "Inner Mounting Flame" von John McLauglins Mahavishnu adäquat um und wurde von diesem für die gelungenen Improvisationsteile gelobt.

In jüngster Vergangenheit machte Peter Gabriel von sich reden, als er auf mehreren Tourneen das Album "Scratch My Back" mit Coverversionen anderer Künstler orchestral aufführte. Eine Fortsetzung erfuhr dieses Projekt mit der CD "New Blood", hier bearbeitete er allerdings eigene Kompositionen. Nicht zu vergessen, die 1996 gegründete finnische Band Apocalyptica mit ihrem "Cello Rock". Besonders in deren Spuren wandelt die junge Leipziger Formation aMUSEment, deren Ideengeber Julian Bindewald ein großer Liebhaber der englischen Neoprogband Muse ist und deren Kompositionen für die Besetzung von aMUSEment umarrangierte. Er selbst spielt Piano und auch Cello, des weiteren ist die Band mit drei Celli, Violine und Kontrabass besetzt.

Das Ergebnis ist eine mit viel Liebe und Enthusiasmus vorgetragene Performance. Die jungen Amateurmusiker hatten sich beim Leipziger Uniorchester kennengelernt und überzeugen mit ihrem Ensemblespiel besonders, wenn sich ihr Tempo in Windeseile auf das Level eines ICE steigert.

Ergänzt wird die Titelauswahl durch Kompositionen der ebenfalls aus England stammenden, alternativen Rockband Radiohead. In seinen Ansagen weist Julian Bindewald auch auf die zeitkritischen Bezüge der Texte von Muse hin, die für aMUSEment von Bedeutung seien. Das Konzert in der prallgefüllten Tonne der Leipziger Moritzbastei (nicht gerade der ideale Aufenthaltsort für Leute mit klaustrophobischen Problemen) wird vom vorwiegend jungen Publikum begeistert aufgenommen, die Band kann erst nach drei Zugaben die Bühne verlassen. Ihrem Amateurstatus ist es geschuldet, dass sich die Zahl ihrer Auftritte in Grenzen hält, ihr nächstes Konzert geben sie am 12. Mai bei der Occupy/aCAMPAda-Demo. Ein Termin, den man sich vormerken sollte.

Die Setlist: New Born; Bliss; Unintended; Muscle Museum; Pyramid Song; Plug In Baby; Micro Cuts; Stockholm Syndrome; Small Print; Time Is Running Out; Assassin; Ruled By Secrecy; Creep; Butteflies And Hurricanes; Night Of Cydonia
Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Apparat Band - Gebündelte Elektrobeats im Schauspielhaus Leipzig

Das Berliner Elektro Beat Festival gastierte am 31.10.2011 im ausverkauften Leipziger Centraltheater. Hauptact war Sascha Ring alias Apparat mit seiner Band. Nach einer Periode der hauptsächlichen Beschäftigung mit elektronischer Musik hat er sich auch dem Singing/Songwriting zugewandt und verbindet beide Richtungen zu einer interessanten Mischung. Nach einem eher poplastigen Auftakt
steigert sich die Band und setzt kräftigere Akzente. Im Gegensatz zu einigen angelsächsischen Formationen basiert der Sound mehr auf den Keyboards als auf Gitarren. Die errichteten Klangwände hinterlassen dadurch einen weniger aggressiven Eindruck. Interessant sind auch die Einflüsse aus Post- und Neo Artrock. Als erster Support begann jedoch das Duo SHRUBBN!! mit den Elektronik-Fricklern Marco Haas und Ulli Bomans. Auf der Grundlage eines satten, geradlinigen Bass-Sounds, der die Körper der Zuhörer umspülte, setzten die beiden Musiker ihre elektronischen Effekte. Das klang dann ungefähr so, als ob sich ein riesiges Monster stampfend durch einen Urwald bewegt, dessen Bewohner eine zirpende, wabernde Klanglandschaft erzeugen. Insgesamt hinterließ dieser Auftritt einen sehr teutonischen Eindruck, die jungen Musiker haben noch einen langen Weg vor sich. Anschließend bot die für diese Live-Performance durch Mitglieder des String Theory Projects verstärkte Band Warren Suicide eine erfrischende Melange aus Elektropop, klassischen Bestandteilen, Neoprog, Psychedelia und mediterranen Klängen.Besonders die attraktive Cherie konnte mit ihrer Stimme überzeugen.

Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Archive - Unverwechselbar im Werk 2 Leipzig

Nach ihrem Auftritt im Januar 2010 im Lindenfels machen Archive aus London wieder Station in Leipzig in der großen Halle A vom Werk 2. Bevor sie sich auf die Bühne begeben wird diese von der englischen Newcomer-Band Robin Foster in Beschlag genommen. Zum Einstimmen spielen sie einen Set, der von
Post Rock mit Elementen von Shoegaze geprägt ist. Das ist alles gut gemacht, viel Neues zum Genre wird aber nicht beigetragen. 1994 gründeten die beiden Keyboarder Darius Keeler und Danny Griffiths Archive, um sich zuerst dem Trip-Hop zu widmen. Im Laufe der Zeit erweiterten sie ihre stilistische Bandbreite um Einflüsse aus Progressive, Art und Post Rock. Archive bot manchmal bis zu vier SängerInnen Platz zu deren Entfaltung. Der Rapper Rosko John hat mittlerweile die Band verlassen, demzufolge auch keine rappigen Songs mehr im aktuellen Set enthalten sind. Dave Penney (Vocals, Guitar) übernimmt den Gesangspart im ersten Stück "Finding It So Hard". Auch hier geben Archive ihrer Musik wie so oft Zeit und Raum, sich zu entwickeln. Damit verbunden sind zumeist Steigerungen von Tempo und Intensität, auch Überraschungen wie gelegentliche Dissonanzen und plötzliche Ruhepunkte sind nie ausgeschlossen. Die Stimme von Dave Penney ist rocklastig geprägt, als Kontrastpunkt ergreift der Amerikaner Pollard Berrier bei "Wiped Out", einem elegischen Lied, das Mikrophon. Dessen Stimme klingt weitaus weicher, manchmal erklimmt er damit gewaltige Höhen. Archive machen es ihren Zuhörern nicht leicht, ihre Musik erfordert unbedingte Aufmerksamkeit und ist nicht im Vorübergehen zu konsumieren. Ihr Set besteht zum größten Teil aus Titeln ihres achten Albums "With Us Until You´´re Dead" und dessen Vorgänger "Controlling Crowds".<br /><br />Bei "System" wird alles direkter, die beiden Keyboarder lassen diverse Samplings einfließen. Dann können wir die neue Sängerin Holly Martin bei "Hatchet" in Aktion erleben. Im Gegensatz zu Maria Q, ihrer Vorgängerin, die mit einer außerordentlich schönen Stimme bestach, klingt sie entschieden expressiver. Mastermind Darius Keeler thront an seinen Keyboards über allem, es ist die wahre Freude, ihn bei seinen "Dirigentenposen" zu beobachten. So jagt im Verlauf des Konzerts ein Höhepunkt den anderen. Holly Martin liefert beim dichten "Violently" eine beachtliche Probe ihrer Kunst.

Dave Penney und die Band laufen bei "Fuck U" zu großer Form auf. Das den offiziellen Teil abschliessende "Bullets" liefert einen weiteren Beweis, wie grandios Archive einen Song bis zum Äußersten steigern kann. Die volle Halle gibt sich damit natürlich nicht zufrieden, sondern fordert erfolgreich Zugaben. Dieser Teil beginnt dann mit den vollen Akkorden von "You Make Me Feel", zu denen Holly Martin ruhige Kontrapunkte setzt. Das balladeske "Words On Signs" folgt darauf. Den krönenden Abschluss setzt dann "Dangervisit", bei dem die Musiker Archive noch einmal eindrucksvoll ihre Stärken demonstrieren.

Setlist: Finding It So Hard; Wiped Out; System; Hatchet; Stick Me In My Heart; ; Conflict; Violently; Kings Of Speed; Fuck U; Interlace; Bullets; (Encore:) You Make Me Feel; Words On Signs; Dangervisit
Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch
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