Abendkleid und Filzstiefel - Die Jazzpianistin und Diseuse Peggy Stone von Beyer, Regine

Abendkleid und Filzstiefel zeigt die Lebensgeschichte von Rosa Goldstein, die sich später als Jazzpianistin den Namen Peggy Stone gab und mit Jazz-Piano-Duo "Lil & Peggy Stone" berühmt wurde. Aufgewachsen in Bialystok, der Heimatstadt ihres Vaters, führte Rosa Goldstein das typische Leben einer Tochter aus gutbürgerlich-jüdischer Familie. 102 Jahre wurde Peggy Stone, deren Lebensweg verursacht durch die Oktoberrevolution 1917 in Russland, durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg viele örtliche und persönliche Stationen ihres Lebens erforderlich machte. Es ist die ungewöhnliche Geschichte einer Künstlerin, die während des Zweiten Weltkrieges für die Rote Armee in Sibirien auftrat, die in Bukarest, Tel Aviv und
New York lebte, ein Leben mit bemerkenswerten Begegnungen, geprägt von der Liebe zur Musik und Kunst und zur Liebe selbst.

Peggy Stone ist, sofern es um existenzielle Dinge geht, pragmatisch und optimistisch. Dabei bleibt sie aber auch ein bisschen Diva und verletzlich. Obwohl die epochalen historischen Ereignisse ihr Leben seit frühester Kindheit geprägt haben, treten diese in der Erzählung und in den Passagen, in denen sie selbst zu Wort kommt, unaufdringlich in den Hintergrund. Und so gelingt der Autorin Regine Beyer, die Peggy Stone in Amerika und Deutschland persönlich getroffen und befragt hat, vortrefflich, eine Biografie aufzuzeichnen, bei der trotz aller Tragik und Entbehrungen, Vitalität, Liebe und Lebenswille im Vordergrund stehen und die politische Atmosphäre dieser Zeit fast wie nebenbei vermittelt wird.
marie scharon

RÖHM. EIN DEUTSCHES LEBEN von Norbert Marohn

Bis zu diesem Buch gab es in Deutschland keine einzige Biographie über den Stabschef der SA. Norbert Marohn hat sich an dieses Thema, an die Person herangewagt. Nach 17 Jahren Recherche und Puzzlearbeit zeichnet Marohn in seiner Romanbiographie ein Bild, welches Röhm, nicht nur als Chef einer paramilitärischen Einheit, die die Straßen freiprügelt, zeigt, sondern auch als ein Mann der Masse, der mit der SA ein soziales Auffangbecken für viele Arbeitslose schafft. Röhms Homosexualität spielt eine große Rolle, er bekennt sich dazu und gerät zunehmend in den Zwiespalt zwischen Nationalsozialist und Schwuler, was Röhm Angriffen von Links und zuletzt offen
aus dem eigenen Lager aussetzt.

In medias res beginnt das Buch 1930, als Röhm aus dem Ausland heimkehrt, und endet 1934 mit seiner Ermordung. Ein Essay einer Reise des Autors nach Bolivien schließt sich an. Weiterhin gibt es zwei Exkurse im Buch, zum einen über die Homosexualität im Umfeld Wilhelm II. und zum anderen zu van der Lubbe, den verurteilten Brandstifter des Reichstages. Wer einen geschmeidigen Abriss a la Guido Knopp erwartet, wird enttäuscht sein. Zuweilen im Stakkato treibt der Autor den Leser in die Geschichte hinein. Es ist ein Konglomerat aus Quellen und Fiktion, ohne dass das Fiktionale das Authentische verliert. Augenzeugen kommen collagenartig zu Wort, Dialoge öffnen eine Ebene des Einfühlens. Eine Romanbiographie, die sich auch sprachlich dem Fluss des Geschehens oder dem Überschlagen von Ereignissen anpasst. Elia van Scirouvsky für radio-mensch

Rohstoff von Jörg Fauser

Vor dem Hintergrund der Ereignisse des amerikanische Vietnamkrieges, der 68er Studentenrevolten, Kommune I und der RAF in Deutschland flüchtet der Studienabbrecher Harry vor dem gesellschaftlichen Muff nach Istanbul. Seinem großen Plan folgend, Schriftsteller zu werden, konsumiert Harry bewusstseinserweiternde Drogen als Hilfe beim Schreiben über das wahre Leben. Immer pleite und ausgezehrt, führen ihn seine Stationen über die Kommune I in Berlin nach London zu William S. Burroughs, von dessen experimenteller Drogen-Literatur er sich Inspiration erhofft. Tagsüber sind Klinkenputzen bei Verlagen und Kontakte mit unseriösen Geschäftemachern angesagt, die die neue Subkultur für ihre Zwecke ausbeuten wollen und nachts lassen Gelegenheitsarbeiten aller
Couleur Harry bald als Nachtwächter in seiner alten Uni landen.

Die Frankfurter Hausbesetzerszene - voller Rivalitäten unter den Möchtegern-Umstürzlern, mit ihren lausigen Wohnverhältnissen und vermüllten Küchen - ist zwischenzeitlich Domizil für Harry. Doch Harry ist heimatlos, immer nur auf der Durchreise. Als seine Bücher gedruckt werden, ist er wieder in der alten Heimat als Stammgast in seiner Wohlfühlkneipe angekommen und gewinnt für sich eine überlebensrettende Erkenntnis %E2%80%A6 Wie man "Rohstoff" auch einordnen mag, der Roman ist sowohl Drogen-, als auch Pop-Literatur, Roadmovie, Männerroman, Reportage, Tagebuch und Milieustudie gleichzeitig. Eine aufs Feinste verwobene Melange über Freiheit und Abhängigkeit mit unverkennbar autobiografischen Zügen.

Jörg Fauser war selbst ein Rastloser, ein Sinnsucher - dabei sehr produktiv als Autor seiner Zeit. In erster Linie schrieb er als freier Journalist Kolumnen, Kommentare, aktuelle Berichte und diese unverkrampft, ungedrechselt, klar und pointiert. Der Journalismus war für ihn ein Fundus, aus dem er für seine schriftstellerische Tätigkeit schöpfen konnte. Seine (Anti-)Helden sind mit Wohlwollen und Respekt betrachtete Außenseiter, Einzelgänger, Verlierer, Kleinkriminelle und Prostituierte, einfache Arbeiter, Kleinbürger und Bohemiens. Jörg Faser verunglückte am 17. Juli 1987 tödlich bei München.
Margot Brosig für radio-mensch

Wie nie zuvor von Norbert Marohn

Norbert Marohn zeigt mit seinem neuen Roman das Jahr 1989 aus einem anderen Blickwinkel. Die Protagonisten sind Männer, die Männer lieben, lieben wollen, die sich Beziehungen wünschen, scheitern, es geht um Sex, um Angst vor der Entdeckung und vor der eigenen Courage, es geht um das Thema, das große Literatur beherrscht: Liebe und die Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen. Das Jahr 1989 ist nicht zwingend, nicht vorrangig. Marohn gelingt es mit "Wie nie zuvor" einen Roman zu schreiben, der die politischen Verhältnisse und Zuspitzungen bis in den Herbst nicht vernachlässigt, sie aber ohne Pathos als Handlungshintergrund und unterstützend für
den persönlichen Auf- und Umbruch nutzt. Er macht keine moralischen Angebote, er belästigt den Leser nicht mit subjektiven Beurteilungen, sondern schildert den normalen Alltag mit seinen Höhen und Tiefen.

Unaufgeregt lässt er seine Figuren auftreten und gibt dem Leser Raum für eigene fortführende Gedanken. Auf die Hauptfigur verzichtet Norbert Marohn. Jeder kann die eigene finden. Die Handlungsplätze sind bewusst gewählt und sozial konträr. Da gibt den typischen Montagebetrieb mit dem Monteur und ehemaligen Lehrer Harms/Buller, der in der neuen Umgebung voller scheinbarer Ungebundenheit und Freiheit versucht, seine Vorstellungen vom Leben und Partnerschaft zu erfüllen. Und Till, ein Laborant und aus dem Armeedienst zurück, will nun endlich während der verbleibenden Urlaubstage seine Homosexualität ausleben. In der Beschreibung seiner Einsamkeit, seiner Verzweiflung über sein Dilemma bemerkt man trotz heftiger Sprachbilder das Verständnis Marohns für diese tragische Figur, die zu sagen scheint: "Nicht jeder äußere Aufbruch führt auch zu einem inneren.". Fast lyrisch im Sinne der Subjektivität und des lyrischen Subjekts erscheint der Roman an dieser Stelle.

Und da sind noch Edmund Grodek, Journalist der Bezirkszeitung, der die nicht wieder gutmachbare Versäumnisse, verpassten Auseinandersetzungen symbolisiert und Rumen, Abteilungsleiter der Stadtbezirksleitung, der innerlich abgeschlossen, schon längst seine Prioritäten gesetzt hat. Und da gibt es noch viele auf den 500 Seiten, die stellvertretend ein Stück Zeitgeschichte erleben.

Marohn gelingt es, die einzelnen Charaktere mit Prägnanz so zu beschreiben, dass der Eintritt in ihr Leben, ihre Seele und über sie in das Zeitgeschehen gelingt. Wahrhaftig lässt er seine Figuren agieren, schildert mit schonungsloser Offenheit - manchmal bis bis an die Grenzen gehend - Tristesse, Gewalt, Verzweiflung, Frustration und menschliche Sehnsüchte. Ein Roman, der in seiner Komplexität den Leser fordert. Norbert Marohn ist seiner Absicht treu geblieben.
marie scharon

Distel - Beim Barte des Proleten von Jürgen Klammer

"Beim Barte des Proleten" - bereits der Titel verheißt, dass es sich nicht "nur" um Kabarettgeschichte, sondern um Zeitgeschichte handeln wird. Kabarett in der Form der politischen Satire ist möglicherweise der ehrlichste Spiegel und das Aufschreiben der Kabarettgeschichten die ehrlichste Form der Geschichtsschreibung. Eine gewagte These, die jedoch nach dem Lesen und Betrachten des Buches der erste Gedanke war, um mit einer Rezension zu beginnen. Natürlich ist Satire wie jede Kunstform zunächst subjektiv, aber sofern sie durch den Chronisten in ihrer Gesamtheit der subjektiven Darstellung von außen und mit Wissen, dem nötigen Abstand und gewissenhaft im Wortsinn aufgezeigt wird, erhält
sie den objektiven Charakter, den man sich von Chronisten wünscht. In diesem Fall ist dem Autor ein Werk gelungen, in dem Zeitgeschichte durch Originaldokumente, persönliche Gespräche und jahrelange Recherche aufgezeigt wird, die für Zeitzeugen gleichermaßen wie für Nachkommen glaubwürdig und wissenvermittelt ist.

Dabei wird die Bedeutung der politischen Satire bewusst gemacht, damals und heute. Diejenigen, die das ein oder andere Programm erlebt haben, werden sich erinnern und Hintergründe erfahren und diejenigen, die nicht in dieser Zeit lebten, erhalten ein Bild in den gesellschaftlichen und politischen Alltag der DDR. Die Qualität der politischen Satire ist abhängig von der Qualität ihrer Macher. Die Protagonisten mit ihren Ambivalenzen eingebettet in den real existierenden Sozialismus mit all seinen Parteitagsbeschlüssen, mit toleranten und weniger toleranten Funktionären und Ausrichtungen durchleben ihre ganz persönlichen Entwicklungen und Brüche.

Rein stilistisch ist schon der Unterschied bemerkenswert, wenn man die Diskussion führt über das "Ostkabarett" und das "Westkabarett". Welche Gemeinsamkeiten gibt es, welche Unterschiede? Was unterscheidet Kabarett in der Diktatur von dem in der Demokratie, welche Stilmittel werden gebraucht, wie scharf darf Satire in ihrem Wortsinn und Ursprung sein. Wohlbemerkt sprechen wir von politischer Satire.

Jürgen Klammer hat mit "Beim Barte des Proleten" ein Buch geschrieben, das zur Verständigung über unsere Vergangenheit mehr beiträgt, als manche der aus bestimmten Anlässen formulierten Reden. Der Autor berichtet und dokumentiert aus einer gesamtdeutschen Sicht mit Distanz und Nähe gleichermaßen. Er hinterlässt ein Werk, das in seiner Form einmalig ist und in seiner Gesamtheit mit all den Originaldokumenten und Plakaten einen sorgfältig recherchierten Einblick in einen Zeitabschnitt der deutschen Geschichte gibt. Dabei steht das Kabarett "Distel" beispielhaft für die Geschichte des Kabaretts in der DDR. Die ausgewählten Anekdoten in ihrer teilweisen Absurdität lassen natürlich auch den Humor nicht zu kurz kommen. Einfach gesagt: "Ein sehr empfehlenswertes Buch".
marie scharon
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