Euro-scene: Martin Schick, Bern: "Nicht mein Stück" Postkapitalismus für Anfänger / Performance

Die Kulisse auf der Bühne im LOFFT verursachte schon ein leichtes Grinsen beim Betreten des Zuschauerraums: eine Mischung aus Balkon, Dachboden und Keller, wo alles Mögliche steht, was sich mal angesammelt hat und so direkt nicht mehr gebraucht wird, aber durchaus noch seinen Zweck erfüllen könnte: ein Campingstuhl, ein alter
Reifen, Bücher, Pflanzen, jede Menge Kisten, ein Federballspiel, ein altes Fahrrad u.s.w.. So sieht die Insel aus, die sich der Schweizer Choreograf und Darsteller Martin Schick gekauft hat, um Vorsorge zu treffen, wenn das kapitalistische System über Nacht zusammenbricht. Mit seinem Partner Dusan Muric
will er leben und überleben ohne Konsumterror, Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenzahlen. Das schaffen sie nicht lange allein und holen sich Hilfe aus dem Publikum auf die Bühne.

Viele Probleme werden zur Sprache gebracht: Energieverbrauch und Nutzung natürlicher Ressourcen, Vorherrschaft des Geldes und deren Folgen, Herstellung von Produkten, die unter den Begriffen Bio und Nachhaltigkeit zu finden sind. Es hat den Abend einzigartig gemacht, dass die Tücken des kapitalistischen Systems nicht mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger vorgeführt, sondern spielerisch und humorvoll Denkanstöße gegeben wurden, mit dem Umdenken anzufangen.

Anders als gedacht, haben sich Martin Schick und sein Partner am Ende auch nicht verbeugt und vom Publikum mit verdientem Applaus feiern lassen, sie haben ihre postkapitalistische Insel den Zuschauern zum Betreten überlassen.
Angela Trautmann für radio-mensch

Dantons Tod am neuen theater Halle

Auf meiner persönlichen Hitliste erscheint das viel zu früh gestorbene Wunderkind Georg Büchner gleich zweimal. Sein "Lenz" als beste Novelle und "Dantons Tod" als bestes Drama der deutschen Literatur. Georg Büchner schreibt "Dantons Tod" 1835, mit 21 Jahren, in nur einem Monat!
Siebenundsechzig Jahre nach seiner Entstehung kam das als
unspielbar geltende Stück in Berlin zur Uraufführung. Am 27.Juni 2014 feierte es auf dem Universitätsplatz in Halle als Koproduktion von Neuem Theater und Thalia Theater seine Premiere. In die Jahre gekommenen Hobby- Revolutionären vom Leipziger Ring ("Wir sind das Volk!") kann es schon mal die Sprache verschlagen, wie konzentriert der junge Büchner in diesem Drama über die Weltrevolution, über persönliche Schuld und persönliches Scheitern meditiert. "Das Volk ist ein Minotaurus, der wöchentlich seine Leichen haben muss, wenn er sie nicht auffressen soll", heißt es. Oder: "Die Waffe der Republik ist der Schrecken".

Doch auch ein Beckett-Vorläufer spricht zu uns. Das endgültige Abschiednehmen von diesem Planeten wird im Stück verhandelt; mal leise, mal laut und schrill- immer poetisch. "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen." Das stimmt auch für Wladimir, Estragon, Pozzo und Lucky.

In der sehenswerten Inszenierung des neuen theaters Halle nimmt die Regie (Jörg Steinberg) den Text sehr ernst, neigt allerdings (zu häufig) zum Open Air- SPEKTAKEL: Explosion hier, Explosion da.... Brennende Benzinfässer, Kampfszenen... PENG- ein Schuss... Geerdet wird die MATERIAL- Schlacht durch die Musik von Falkenberg. Diese ist eher kraftmeierischer Natur und nur in wenigen Passagen wirklich subtil gearbeitet. Doch sie entfaltet einen Sog - und gefällt! Falkenbergs Sounddesign ist die Überraschung des Abends: die unendlichen Wiederholungen halten die Inszenierung zusammen und treiben sie gnadenlos voran. Dass Natalja Joselewitsch (Lucile) mit Leidensmiene zum Playback Violine spielen muss- geschenkt...

Die Bühnengestaltung (Heike Neugebauer) gerät martialisch. Die Guillotine ist das überdeutliche Zentrum dieser Inszenierung. Schon vor Beginn des Stückes wird klar: hier werden garantiert keine Gefangenen gemacht.
"Volkes Stimme" bestätigt dies: am Anfang des Abends hält sie einen Monolog in Richtung des Mordwerkzeugs; mit dem Rücken zum Publikum. - Eine schöne Idee!

Von diesem Zeitpunkt an sitzt man gebannt auf den Treppenstufen des Universitätsplatzes. Zum dramaturgischen Höhepunkt gerät die Einbeziehung der Zuschauer ins Spiel. Erst Danton, später "Volkes Stimme": sie fordern dazu auf, Positionen zu vertreten, Stellung zu beziehen. Wie diese Forderungen (nicht) eingelöst werden, ist spannend. So politisch kann Theater sein?

Die Stars des Abends sind neben dem souverän agierenden Alexander Gamnitzer (Danton) die Energiebündel Katharina Brankatsch (Volkes Stimme), David Kramer (St. Just) und Manuel Zschunke (Barere). Wenn Zschunke mit dem Knüppel aufs Benzinfass eindrischt, wird Büchners Leiden an der Welt ins 21. Jahrhundert transformiert.

Auf der Autobahn geht es von Halle zurück nach Leipzig. HOWLER aus Minneapolis knallt aus den Boxen. "I wanna die young as a star", singt Jordan Gatesmith. Das Album ist von 2012, da war er gerade mal 21 Jahre alt. "Die Nacht schnarcht über der Erde" lautet mein Lieblingssatz aus "Dantons Tod".
Holger Legler für radio-mensch

Transit

Am gestrigen Abend ist die euro-scene Leipzig im Schauspielhaus eröffnet worden. Das Festival zeitgenössischen europäischen Theaters zeigte "tauberbach", das neueste Tanzstück des bedeutenden flämischen Choreografen Alain Platel und seiner Compagnie les ballets C de la B, Gent, eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen. Das Stück handelt von den Ärmsten der
Gesellschaft, die sich im zivilisatorischen Abseits dennoch ihre Würde bewahren. Ein tragendes Element ist dabei Musik von Johann Sebastian Bach.

Die euro-scene Leipzig findet vom 04. bis 09. November 2014 zum 24. Mal statt. Gezeigt werden 12 Gastspiele aus 8 Ländern in 23 Vorstellungen und 8 Spielstätten, darunter 5 Deutschlandpremieren. Das Spektrum umfasst Tanz- und Sprechtheater, Performances, musikalische Bühnenformen und ein Stück für Kinder. Das Festival steht diesmal unter dem Motto "Transit" - eine Metapher für zahlreiche Assoziationen, so für das Reisen selbst, die Rastlosigkeit und das Durchqueren von Labyrinthen. "Transit" steht aber auch für gesellschaftliche Umbrüche und den Übergang zwischen leben und Tod.

Die euro-scene Leipzig besitzt seit ihrer Gründung 1991 einen festen Platz in der europäischen Festivallandschaft. Die Schirmherrschaft für das Festival übernahm Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig. Die Programmauswahl liegt in den Händen von Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff. Während der Festivalwoche reisen in diesem Jahr insgesamt 111 Künstler und Techniker aus zahlreichen europäischen Ländern in Leipzig an.

Die vielfältigen Gastspiele zeigen eigenwillige, starke Handschriften wichtiger Regisseure und Choreografen aus ganz Europa. Zu den Höhepunkten gehört zweifellos das Ballet national de Marseille, das zwei Choreografien ganz unterschiedlicher Ästhetik präsentiert: Die verstörend-faszinierende "Elegie" von Olivier Dubois und die opulente Tanzoper "Orph%C3%A9e et Eurydice" von Frederic Flamand. Diese entstand nach der Oper "Orpheus und Eurydike" von Christoph Willibald Gluck, dessen 300. Geburtstag auch einen Anlass für diesen Festivalabschluss gab.

Innerhalb des Schwerpunkts Osteuropa sind als Deutschlandpremieren das Theaterstück "Vgrajdane" ("Die Eingemauerte") des Puppentheater Plovdiv sowie zwei Tanzstücke der Albanian dance theatre company aus Tirana zu sehen. Außerdem zeigt die Aerites dance company, Athen, ihr dynamisches Tanzstück "Planites" ("Planeten") in der Choreografie von Patricia Apergi.

Die ästhetische Vielfalt der euro-scene Leipzig ist wie immer breit gefächert: Familie Flöz aus Berlin war Publikumsliebling 2012 und zeit diesmal ihr Maskentheater "Hotel Paradiso". Frech-frische Performances gibt es von dem Schweizer Martin Schick und dem Schweden Björn Säfsten zu sehen. Und schließlich greifen die Leipziger Berndt Stübner und Werner Stiefel die Tradition des Kinderstücks mit "Der Fischer und seine Frau" auf.

Das Festival ist zum zweiten Mal Partner des Schauspiel Leipzig für eine Uraufführung innerhalb der Reihe "Artists in Residence": Ausgewählt wurde Anna Natt aus Berlin mit ihrer Flamenco-Performance "Der Dybbuk". Außerdem zeigt das Schauspiel Leipzig, passend zum Festivalmotto, die "Wolokolamsker Chaussee I-V" von Heiner Müller in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Greg Cohen, Theo Bleckmann, Richie Beirach und Gäste with Strings beim 4. HMT Jazzfest 2. Tag in Leipzig

Die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelsohn Bartholdy" ist aus dem kulturellen Leben von Leipzig nicht mehr weg zu denken. Besonders die Fachrichtung Jazz/Popularmusik (was für ein herrliches Bürokratendeutsch) bietet seinen StudentInnen (hoffentlich korrekt) eine gediegene Ausbildung, wobei die Dozenten allem Anschein nach sehr auf die Nähe zur Praxis
achten und diese auch fördern. Auch dieses Festival sieht sich als Bestandteil der Ausbildung und bietet den jungen Musikern die Möglichkeit, an der Seite von gestandenen Profis Erfahrungen zu sammeln.

Beispielhaft dafür ist gleich der erste Programmpunkt. Fast jeder an Musik interessierte Mitbürger dürfte schon Aufnahmen des in Berlin lebenden Bassisten Greg Cohen von der Westküste der USA gehört haben, die nämlich auf etlichen Platten von Tom Waits für die Nachwelt gespeichert wurden. Nach seinem Ausstieg arbeitete er u.a. mit John Zorn und Ornette Coleman. Schon diese wenigen Namen verweisen auf Greg Cohens beachtliche stilistische Vielfalt. Mit seinen heutigen Begleitern begibt er sich musikalisch ihn seine geografische Heimat und erweist dem in den 1950er Jahren entstandenen West Coast Jazz seine Referenz.

Das ist musikalisch natürlich nicht sehr avantgardistisch geprägt, aber die handwerklich saubere Umsetzung nötigt Respekt ab, zumal die Probenzeit wahrscheinlich nicht allzu üppig vorhanden war. Besonders die Soli Greg Cohens deuteten an, über welch breites musikalisches Spektrum er verfügt.

Musik von Kate Bush und der Tod stehen im Mittelpunkt der letzten beiden aktuellen Projekte von Theo Bleckmann, des Sängers aus Dortmund, der sich seit ungefähr 1990 auch in den USA einen guten Namen erarbeitete. Die Liste seiner musikalischen Partner ist von beachtlicher Länge und Vielfalt, erwähnt seien hier nur Laurie Anderson, Anthony Braxton und Philip Glass. Theo Bleckmann ist ein Grenzgänger zwischen Avantgarde und moderner Tradition und ist mit seinem sehr individuellen Stil immer für Überraschungen gut. Auch seine studentischen Begleiter machen diesen Auftritt zu einer spannenden und mit Überraschungen gespickten Geschichte.

Schon seit Jahren lag der Pianist Richie Beirach seinem Kollegen Ralf Schrabbe mit der Bitte in den Ohren, ihm diverse Stücke für Jazzband und Streicher zu arrangieren. Angesichts seines letzten Konzerts als ordentlicher Professor an der HMT bekam er diesen Wunsch erfüllt und macht sich mit sichtlicher Freude daran, den Zuhörern die Ergebnisse zu präsentieren. Bis auf den erkrankten Gary Husband begleiten ihn seine Freunde Detlev Beier (Bass), Hans Otto (Drums), Gregor Hübner (Violin), Johannes Weber (Bass), Ralf Schrabbe (Keyboards) sowie ein Streichquartett mit den Mitgliedern Sophie Keiter (Violin), Johanna Noetzel (Violin), Cenk Erbiner (Viola) und Yuki Ibaraki (Cello). Das Ergebnis ist eine nuancenreiche Fusionsmusik, die auch vor romantischen Momenten nicht zurückschreckt, aber ihre Bezüge im hier und jetzt hat.

Einen besonderen Höhepunkt hat sich Richie Beirach für das Finale aufgehoben, Skrjabins Etüde Op.2 No. 1 zeigt noch einmal sein sehr emotionales Spiel und sein außergewöhnliches Können als Pianist. Angesichts der Qualität des angebotenen Programms hätte das Konzert mehr
Zuschauer verdient gehabt, leider blieben ca. ein Drittel der Plätze unbesetzt.
text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch

Yes im Haus Auensee Leipzig

Über den Sinn und Unsinn der in letzter Zeit verstärkt praktizierten Mode, Alben aus dem Back-Katalog komplett auf die Bühne zu bringen, wird gegenwärtig viel diskutiert. Yes, Vorreiter des Progrock und eine der Repräsentanten gewaltiger Materialschlachten besonders in den 1970ern beanspruchen auch innerhalb ihrer aktuellen Welttournee eine gewisse Sonderstellung. Nicht
ein, nicht zwei, sondern sogar drei frühe Alben sollen komplett und in identischer Trackliste auf der Bühne aufgeführt werden. Die chronologische Reihenfolge der Platten wird allerdings nicht eingehalten, den Beginn setzt "Close To The Edge", gefolgt von "Going For The One" und schließlich "The Yes Album".
So weit so gut. Nach etwa zwanzigminütiger Wartezeit entern die derzeitig aktuellen Mitglieder von Yes zu den Konservenklängen von Strawinskys "Feuervogel-Suite" die Bühne. Das sind die Herren Chris Squire (Bass, Vocal), Steve Howe (Guitar, Vocal), Chris White (Drums), Geoffrey Downes (Keyboards) und schließlich der nach Jon Andersons wohl endgültigem Ausstieg neue Sänger Jon Davison von der US-Band Glass Hammer.
Und wie geplant starten Yes mit dem Titeltrack von "Close To The Edge", die Aufführung orientiert sich stark am Studio-Original. Natürlich verfolgen die Fans mit besonderer Aufmerksamkeit, inwieweit sich die Stimme von Jon Davison der von Jon Anderson annähert. Wenn da nicht ab und an bei genauerem Hinhören merkwürdige, sekundenlange Aussetzer vernehmbar wären, könnte das Fazit durchaus positiv ausfallen. Ein Fehler an der Technik ist ja nicht auszuschließen. Danach kommt der nächste irretierende Moment. Pausen sind zu einem solchen Zeitpunkt bei einem Konzert nicht die Regel, trotzdem ist plötzlich die Bühne leer. Einem etwas unübersichtlichen Statement der Band, aus dem hervorgeht, dass die Stimme von Jon Davison ihren Dienst quittiert hat, folgt stilgerecht der instrumentale Abgesang von "Starfish Trooper", das auch das Finale von "Yessongs" bildete.
Den endgültigen Schlusspunkt bildet dann die Ansage von Heinz-Rudolf Kunze, der das Stimmversagen bestätigt und vage einen Ersatztermin verspricht.
Nachtrag:
Vom Veranstalter erhielten wir folgende Mitteilung: "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass es kein Nachholkonzert geben wird. Trotz intensiver Bemühungen aller Beteiligten kann für das wegen Stimmproblemen von Sänger Jon Davison abgebrochene Yes-Konzert am 28. Mai kein zeitnaher Nachholtermin gefunden werden. Band und Veranstalter bedauern dies sehr!
Text und Fotos Dieter Lange für radio-mensch
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