euro-scene: "Das Triadische Ballett"

Zur Eröffnung der euro-scene 2017 kam das Bayerische Juniorballett mit dem Tanzstück "Das Triadische Ballett" nach Leipzig. Ausgegraben wurde das Tanzprojekt des Bauhauskünstlers Oskar Schlemmer von 1922, dessen Originalfassung nicht erhalten ist. Der Choreograf Gerhard Bohner und der Komponist Hans-Joachim Hespos rekonstruierten das Werk 1977 im Auftrag der Akademie der Künste Berlin. Ivan Liska und Colleen Scott gehörten als Tänzer zur Originalbesetzung bei Bohner und haben das Stück 2014 mit jungen Tänzerinnen und Tänzern des Juniorballetts als TANZFONDS ERBE Projekt neu einstudiert.

Ausgangspunkt für die Erarbeitung sind die Kostüme, deren Form z. B. Kreis, Kugel, Spirale, Scheibe den Charakter der Figuren
bestimmen. Die Musik bringt die jeweilige Befindlichkeiten über Geräusche auf den Punkt und das kam in einigen Passagen mit viel Humor von der Bühne in den Zuschauerraum des Leipziger Schauspielhauses.

GELBE REIHE, ROSA REIHE, SCHWARZE REIHE heissen die drei Teile des Abends und die Farbe des Bühnenhintergrundes entspricht der Stimmung des gezeigten Tanzgeschehens: heiter-burlesk, festlich-getragen, mystisch-phantastisch.

Die Vorgaben sind einfach zu verstehen und geben dem Zuschauer die Möglichkeit, den Formen, Farben und Eigenschaften der Tanzfiguren mit Interesse zu folgen. Die etwas abstrakte Sichtweise muss man nicht mögen, aber das "Triadische Ballett" ist und bleibt ein bedeutendes Werk der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und das Bayerische Juniorballett hat die Herausforderung angenommen, dem Weg vom klassischen Ballett zur Moderne Zeit, Raum und Bühnenpräsenz zu geben.
Angela Trautmann für radio-mensch

euro-scene: "Bombyx mori"

"Bombyx mori" ist der lateinische Name für den Schmetterling "Seidenspinner". Die Tänzerin Loie Fuller liess sich 1893 das Kostüm für ihren Serpentinentanz patentieren, der Stoff fließt großzügig in vielen Formen und Facetten am und um den Körper, effektvoll in Szene gesetzt mit Licht und farbigen Projektionen. Die polnische Choreografin Ola Maciejewska verzichtet auf alles Bunte. Der Einstieg in die Performance dauert sehr lange, zwei Zänzerinnen und ein Tänzer (Ola Maciejewska, Amaranta Valarde Gonzales und Maciej Sado) bringen ihren schwarzen Stoff auf dem Fußboden in die gewünschte Form, kriechen drunter und dann endlich geht es los, phantasievolle Figuren entstehen im hellen
oder abgedunkelten Raum, die Bewegung des Stoffs wird über Mikrofone am Bühnenrand verstärkt, die Musik eine Geräuschkulisse, die die Stimmungen betont, mal ruhig, mal verspielt, mal aggressiv.

Jeder kann für sich entscheiden, was er sieht, ob Krähen, schwarze Engel, Grabsteine, Ungeheuer, Pilze - Figuren aus der heutigen oder einer anderen Welt Loie Fullers Terpentinentanz war impulsiv und dekorativ wirksam, Ola Maciejewska hat die Idee von der Wirkung des Stoffes in Kombination mit der Bewegung des Körpers aufgegriffen und Kurzgeschichten über eine verwirrende und anspruchsvolle Zeit erzählt.
Angela Trautmann für radio-mensch

Wie nie zuvor von Norbert Marohn

Norbert Marohn zeigt mit seinem Roman das Jahr 1989 aus einem anderen Blickwinkel. Die Protagonisten sind Männer, die Männer lieben, lieben wollen, die sich Beziehungen wünschen, scheitern, es geht um Sex, um Angst vor der Entdeckung und vor der eigenen Courage, es geht um das Thema, das große Literatur beherrscht: Liebe und die Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen. Das Jahr 1989 ist nicht zwingend, nicht vorrangig. Marohn gelingt es mit "Wie nie zuvor" einen Roman zu schreiben, der die politischen Verhältnisse und Zuspitzungen bis in den Herbst nicht vernachlässigt, sie aber ohne Pathos als Handlungshintergrund und unterstützend für den
persönlichen Auf- und Umbruch nutzt. Er macht keine moralischen Angebote, er belästigt den Leser nicht mit subjektiven Beurteilungen, sondern schildert den normalen Alltag mit seinen Höhen und Tiefen.

Unaufgeregt lässt er seine Figuren auftreten und gibt dem Leser Raum für eigene fortführende Gedanken. Auf die Hauptfigur verzichtet Norbert Marohn. Jeder kann die eigene finden. Die Handlungsplätze sind bewusst gewählt und sozial konträr. Da gibt den typischen Montagebetrieb mit dem Monteur und ehemaligen Lehrer Harms/Buller, der in der neuen Umgebung voller scheinbarer Ungebundenheit und Freiheit versucht, seine Vorstellungen vom Leben und Partnerschaft zu erfüllen. Und Till, ein Laborant und aus dem Armeedienst zurück, will nun endlich während der verbleibenden Urlaubstage seine Homosexualität ausleben. In der Beschreibung seiner Einsamkeit, seiner Verzweiflung über sein Dilemma bemerkt man trotz heftiger Sprachbilder das Verständnis Marohns für diese tragische Figur, die zu sagen scheint: "Nicht jeder äußere Aufbruch führt auch zu einem inneren.". Fast lyrisch im Sinne der Subjektivität und des lyrischen Subjekts erscheint der Roman an dieser Stelle.

Und da sind noch Edmund Grodek, Journalist der Bezirkszeitung, der die nicht wieder gutmachbare Versäumnisse, verpassten Auseinandersetzungen symbolisiert und Rumen, Abteilungsleiter der Stadtbezirksleitung, der innerlich abgeschlossen, schon längst seine Prioritäten gesetzt hat. Und da gibt es noch viele auf den 500 Seiten, die stellvertretend ein Stück Zeitgeschichte erleben.

Marohn gelingt es, die einzelnen Charaktere mit Prägnanz so zu beschreiben, dass der Eintritt in ihr Leben, ihre Seele und über sie in das Zeitgeschehen gelingt. Wahrhaftig lässt er seine Figuren agieren, schildert mit schonungsloser Offenheit - manchmal bis bis an die Grenzen gehend - Tristesse, Gewalt, Verzweiflung, Frustration und menschliche Sehnsüchte. Ein Roman, der in seiner Komplexität den Leser fordert. Norbert Marohn ist seiner Absicht treu geblieben.
marie scharon
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